Neues vom Hochstapler: Döpfner und die Pin AG

Das Gedächtnis des deutschen Qualitätsjournalismus ist stark unterentwickelt. Zum Verkauf des Großteils des Printbereichs der Springer AG an die Funke-Gruppe (WAZ) waren viele Kommentare zu lesen, auch gute wie zum Beispiel in der FAZ vom 26. Juli 2013, in der Henning Peitsmeier den Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner als „Der Schönfärber“ bezeichnete. Döpfner besitze die Gabe, „Dinge schönzureden, die nicht schön sind“.

Das hat Döpfner immer gekonnt. Die Schönrednerei ist schließlich eine Grundeigenschaft eines jeden erfolgreichen Hochstaplers. Blicken wir also gut sechs Jahre zurück, in die „Financial Times Deutschland“ (FTD) vom 28. Juni 2007, wo ein Artikel mit folgender Überschrift zu finden ist: „Springer wird Deutschlands zweitgrößter Briefträger“. Diese wichtige Episode im Leben und Wirken des Mathias Döpfner wurde in der Berichterstattung und Kommentierung über den „Umbruch im deutschen Zeitungsmarkt“ (FAZ) weitgehend ausgeblendet; dabei ist sie unabdingbar, um die Person des Hochstaplers verstehen zu können.

Erinnern wir uns: Eine halbe Milliarde Euro blätterte Döpfner hin, um die Mehrheit bei einem Postunternehmen namens „Pin AG“ zu erwerben. Der Schönfärber damals: „Die Pin Group ist für uns ein attraktives Investment in ein sehr schnell wachsendes Unternehmen.“ Und „dieses Geschäft wollen wir mit unserer ausgewiesenen Vertriebskompetenz neben dem Inhaltegeschäft in Print und online zu einer weiteren starken Säule von Axel Springer entwickeln“.

Dabei war damals schon allen Beteiligten im Postgeschäft klar, dass die Hochzeit des Briefsendungsgeschäfts dem Ende entgegengeht – so wie die Eisenbahn und das Auto die Postkutsche verdrängten. Aber so wie Wilhelm II. das Automobil für eine vorübergehende Erscheinung hielt und ganz aufs Pferd setzte, war Döpfner überzeugt, dass die Behörden, Unternehmen und die Leute sowieso mehr Briefe und weniger Mails schreiben würden.

In einem schrumpfenden Markt trat der von jeglicher Ahnung vom Logistikgeschäft freie Döpfner gegen den Quasi-Monopolisten Deutsche Post AG an und fiel auf die Nase. 510 Millionen Euro (wahrscheinlich mehr) waren dahin. Das war auch die Hauptursache für die Finanzklemme bei Springer, aus der sich der Verlag nur noch durch Verkäufe seiner Kernbereiche an Madsack und andere sowie jetzt an Funke zeitweilig retten konnte. Das Pin-Engagement wirft ein gutes Schlaglicht auf die Person Döpfner. Er betritt vollmundig gerne Märkte, von denen er nicht die geringste Ahnung hat – und scheitert. Was bei Pin passierte, geschieht jetzt im Internet-Bereich. Niemand soll sich später beim Zusammenbruch der Springerschen Online-Aktivitäten rausreden, man habe das alles nicht ahnen können. Man konnte es sogar wissen.

Qualitätsjournalisten wie Ulf Brychcy in der FTD jubelten damals, als Springer bei Pin einstieg: „Über mehrere Zehntausend Pin-Briefboten hat Springer nun direkten Kontakt zu fast allen Haushalten in Deutschland. Das kann sich bei der Werbung von Abos für Zeitungen wie ,Die Welt‘ und Zeitschriften wie ,Hörzu‘ auszahlen.“ Und Springer könne „bundesweit mit einer Gratiszeitung starten, die sich nur über Werbung finanziert“.

Man fragt sich, was sie den FTD-Redakteuren alles in den Kaffee gekippt und zu rauchen gegeben haben, damit sie so einen Stuss aufschrieben. Man fragt sich aber nicht mehr, warum es die FTD nicht mehr gibt – angesichts des Blödsinns, der von dem Blatt generell verbreitet wurde. Wichtig ist in diesem Zusammenhang noch der Hinweis, dass eine ganze Reihe von FTD-Qualitätsjournalisten – beispielhaft genannt seien Christoph Keese und Margaret Heckel – zu Springer gingen, um dort die Niveauabsenkung fortzusetzen – mit großem Erfolg.

Döpfner bezeichnete den Zusammenbruch der Pin AG als „schwerste Niederlage“ seines Lebens, was aber nicht stimmt. Denn seine schwerste Niederlage wird noch kommen: Der Konkurs der Springer AG.

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