Ein Hauch von 1913

Der G20-Gipfel in St. Petersburg wird noch lange in Erinnerung bleiben. Im Kreis der großen Wirtschaftsnationen war Deutschland auf einmal isoliert. Auf einer gemeinsamen Resolution der USA und der wichtigsten europäischen Mächte zur Syrien-Krise fehlte ausgerechnet die deutsche Unterschrift. Die Regierungen in Berlin aller Jahrzehnte haben offenbar ein Talent dafür, sich zu isolieren und zum Schluss alle wichtigen Nachbarn gegen sich zu haben. Das hat Deutschland Niederlagen in zwei Weltkriegen eingebracht. Es müsste Aufgabe jeder Regierung in Berlin sein, Widerstand gegen Isolierungs-Versuche zu leisten. Der alte Reichskanzler Otto von Bismarck würde sich im Grabe umdrehen, wenn er erfahren würde, was seine kleinen Epigonen im 21. Jahrhundert anstellen und nicht mitbekommen, wie hinter ihrem Rücken Bündnisse geschmiedet werden.

Es geht hier nicht um den Inhalt eines Papiers zu Syrien. Auf diplomatischen Parkett werden viele Papiere verfasst und unterschrieben. Es geht darum, wie die deutsche Außenpolitk in St. Petersburg hinters Licht geführt wurde. Präsident Barack Obama hatte zehn andere Länder, darunter Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien, für eine gemeinsame Resolution gewonnen und die Deutschen erst gar nicht gefragt. Einen „Überraschungscoup“ (FAZ) gab es auch im Verhältnis zwischen den USA und Russland, das ungewöhnlich schnell auf einen Vorschlag des amerikanischen Außenministers John Kerry einging und somit zur Verhinderung der Eskalation beitrug. „War da hinter den Kulissen des G20-Gipfels doch mehr besprochen worden, als die offiziell eiskalte Stimmung zwischen Putin und Obama vemuten ließ?“, fragte die FAZ.

Natürlich war mehr besprochen worden. Nur die deutsche Politik raffte es nicht. Merkel ist mit Außenpolitik überfordert. Sie hat weder zu Obama noch zu Putin ein gutes Verhältnis aufbauen können, bei den europäischen Nachbarn ist sie verhasster als einst die eigensinnige Britin Margaret Thatcher. Merkels Außenminister Guido Westerwelle saß vermutlich mit seinem Herrn Mronz wieder in der Sauna. Und die Vortragenden verschwulten Legationsräte aus dem Berliner Auswärtigen Amt hatten nur die schlanken großgewachsenen jungen russischen Herren im Sinn, die auf dem Gipfel so zahlreich zu sehen waren. So wurde Deutschland – wieder einmal – eingekreist. Ob und was Berlin auf dem Gipfel wollte, war nicht feststellbar: „Es gibt überhaupt keine klare deutsche Position“, wunderte sich die Süddeutsche Zeitung.

Dabei ist die Rolle der Bundesrepublik in den wichtigen Finanz- und Währungsfragen schon schwierig genug. De facto haben die deutschen Vertreter bei der Europäischen Zentralbank (EZB) nichts mehr zu sagen. In der EU-Kommission haben deutsche Diplomaten und Kommissar Günter Oettinger jeden Einfluss verloren. Verwundert bis verärgert schauen unsere Nachbarn auf uns, weil die Deutschen die Südeuropäer zum Sparen erziehen und zur Steigerung ihres Bruttoinlandsprodukts bringen wollen. Arbeiten statt Siesta – so macht man sich unbeliebt. Auch an der deutschen Klimarettungspolitik soll die Welt genesen und Europa nach der deutschen Pfeife tanzen.

Schuld an der Misere sind die deutschen schwarz-gelb-rot-grünen Eliten, die sich für die besseren Menschen halten. Das mögen unsere Nachbarn nicht. Narretei ersetzt in Berlin Außen- und Interessenpolitik. Blind für die Realität taumeln deutsche Politiker von einem Irrtum zum anderen. Und für jeden werden sie eines Tages teuer bezahlen müssen. „Europa verändert sich trotz aller Krisen in eine positive Richtung“, befand Richard von Weizsäcker in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Der alte Narr demonstrierte damit seine Realitätsverweigerung.

Florian Illies hat in seinem schon legendären Buch „1913 – der Sommer des Jahrhunderts“ beschrieben, wie eng Europa damals wirtschaftlich, finanziell und kulturell verbunden war, so dass alle führenden Wissenschaftler, Publizisten und Politiker einen großen Krieg für ein für alle mal ausschlossen. Ein Jahr später stand der alte Kontinent in Flammen.

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