Ende der Kunstfreiheit: Frei.Wild wird Freiwild

Schon mal von einer Musikgruppe namens Frei.Wild gehört? Nein? Das hat Gründe. Denn den Konsumenten inhaltlich längst gleichgeschalteter Qualitätsmedien kommen garantiert keine Klänge dieser aus Südtirol stammenden Rocker zu Ohren. Die mit der Demokratieabgabe (ehemals GEZ) gestärkten Staatssender und auch die werbefinanzierten Privaten stellen sich damit auf eine Stufe mit den DDR-Sendern, in denen auch nur gespielt wurde, was dem Politbüro gefiel, während das Volk Westsender hörte. Die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Kunst (und damit der Musik) gilt nur für zivilgesellschaftliche Akteure; bei allen anderen hagelt es Indizierungsanträge bei der Bundesprüfstelle, Auftritte sollen verboten werden.

Das Problem für Zivilgesellschaftler und Aktivisten aller Art ist nun, dass die Südtiroler Rocker mit ihrem neuen Album „Still“ auf Platz eins der Album-Charts in Deutschland stehen. Die Spoekenkiekerei ist keine Musikkritik, das tun andere, findet die Musik aber erfrischend und lebhaft wie zehntausende Fans, die die Hallen füllen, wenn Frei.Wild kommt.

Dabei kommt es zu den üblichen zivilgesellschaftlichen Possen. In Hannover verurteilte der Bezirksrat Linden-Limmer ein Konzert der Gruppe. „Die in der rechten Grauzone verortete Band“ schüre in ihren Texten Vorurteile gegenüber Andersdenkenden und betreibe Geschichtsrevisionismus, heißt es in einer Resolution, über die die Hannoversche Allgemeine erfreulicherweise berichtet, damit dieser Blockparteien-Blödsinn auch im Internet nachgelesen werden kann. Die mutigen Antifaschisten im Bezirksrat forderten, das Konzert abzusagen. Veranstaltungszentren im Stadtbezirk sollten darauf achten, bei der Auswahl der Bands sowie bei Vermietungen auf Verbindungen ins rechte Milieu zu achten.

Weiter lesen wir in der Hannoverschen: „Frei.Wild wird immer wieder mit der rechtsextremistischen Szene in Verbindung gebracht. Bei der Echo-Verleihung im März zog der Ausrichter die Nominierung der Südtiroler Rocker zurück, weil andere Künstler dagegen protestiert hatten. Die Band distanziert sich öffentlich von Extremismus, doch ziehen ihre volks- und heimatnahen Texte viele Fans aus dem rechtsextremen Milieu an.“ Fast verschämt kommt dann der Hinweis: „Das Konzert Ende November ist ausverkauft.“ Immerhin rafften sich 300 Aktivisten zu einer Anti-Frei.Wild-Demo vor der Veranstaltungshalle auf. Eine völlig neue Erfahrung für die Zivilgesellschaft: Sie war in der Minderheit gegen mehrere tausend Fans. Blind ist die Zivilgesellschaft auch, wie aus einem Leserbrief an die Hannoversche hervorgeht: „Finde es ok, dagegen zu demonstrieren. Genauso ok fände ich es aber auch wenn mal gegen homophobe, frauenfeindliche und teils rassistische Bands aus dem Genre Rap, Raggae, Dub, Türk-Pop usw. protestiert würde.“ Hatte nicht Bushido zum Mord an Politikern aufgerufen?

Ein qualitätsjournalistischer Volltrottel namens Ludwig Gengnagel berichtet auf web.de über den Ort eines Frei.Wild-konzertes in München, den Bau von Circus Krone: 1923 „hielt der NSDAP-Vorsitzende Adolf Hitler hier eine flammende Rede, in welcher er zum Aufstand aufrief. Der sogenannte Hitlerputsch blieb erfolglos und der spätere „Führer“ wurde inhaftiert. Nach der Machtergreifung besann Hitler sich auf seine Ursprünge. Immer wieder wurde die Örtlichkeit für Nazi-Kundgebungen genutzt, etwa anlässlich der Reichspogromnacht… Bis heute ist der Kronebau ein beliebter Veranstaltungsort für Konzerte oder Kabarettveranstaltungen. Längst vergessen scheint die teils unrühmliche Vergangenheit… Doch jetzt kommen Frei.Wild.“

Ein echtes Highlight deutscher Beklopptheit haben wir in der „Mittelbayerischen Zeitung“ in Regensburg entdeckt. Dort berichtet Qualitätsjournalistin Bettina Griesbeck, anlässlich eines Konzerts der Gruppe habe sich der Stadtjugendring damit beschäftigt. Was jetzt kommt, hat das Zeug zur Realsatire: „Oberstudienrat Roland Woike aus dem Arbeitskreis ,Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage‘ der FOS/BOS Regensburg referierte kurz über die Band, bevor er drei Liedtexte genauer analysierte. Losgelöst von den Vorwürfen zu Rassismus und Rechtsradikalismus entzauberte Woike in kurzer Zeit die ,harmlosen‘ Textzeilen von Frei.Wild-Hits wie ,Das Land der Vollidioten‘, ‚Südtirol Heimatland‘ oder ‚Wir reiten in den Untergang‘. ,In den Liedern steckt purer Nationalismus, es ist die Rede von Ahnen, Helden, Pathos. Da bedarf es wenig Erklärung‘, sagte Woike unter Zustimmung der anwesenden Zuhörer. Frei.Wild würde mit dem in ihren Texten immer wieder betonten Wir-Gefühl eine starke Bindung zwischen sich und den Fans erzeugen, erklärte Woike.“

In Regenburg sind sich alle einig, dass solche Künstler nicht auftreten dürfen – so wie in der DDR keine kritischen Künstler auftreten durften oder bei den Nazis keine jüdischen. Besonders schlimm ist offenbar, wenn Musiker über Heimat und Helden singen, eine enge Bindung zu ihren Fans haben und volksnah sind, was Politikern bestimmt nicht passieren kann.

Dieser Text aus der „Mittelbayerischen“ lässt so tief in die zivilgesellschaftliche Seele blicken, dass hier unbedingt noch ein paar Zitate sein müssen: „‚Frei.Wild-Konzerte sind ein Fischfangbecken für rechte Gruppierungen‘, sagte Woike. Helga Hanusa von der Initiative ‚Keine Bedienung für Nazis e.V.‘ sagte: ‚Man muss aktiv dafür sorgen, dass Verträge so gestaltet sind, dass solche Bands nicht auftreten dürfen.‘ Thekla Heizinger von der Jugendschutzstelle stimmte Hanusa zu und sagte, dass eine Aufklärung über den rassistischen Gehalt der Musik das A und O ist. ‚Dieses Konzert hätte nicht stattfinden dürfen‘, äußerte sich Bürgermeister Joachim Wolbergs (SPD) 2012 nach dem Besuch des Frei.Wild-Konzerts in der Donau-Arena. Damit stimmten Woike und alle Anwesenden überein: Im Raum Regensburg sollte es keine Bühne für rassistisches Gedankengut mehr geben.“

Der Gipfel der Beklopptheit wurde allerdings in Dortmund erreicht, wo auch alle immer schön gegen rechts kämpfen. Wir lesen in der WAZ: „Im vergangenen Jahr gab es Proteste, weil die von zahlreichen Kritikern in die Nähe des Rechtsrock gerückte Band in der Westfalenhalle auftrat. Nun erregt ein Werbeplakat Aufsehen, denn das hängt über einem türkischen Restaurant an der Rheinischen Straße. Für die Dortmunder Jusos ist das nicht akzeptabel. ‚Ein solch fragwürdiges Werbeplakat über dem ‚Ankara Grill‘ zu platzieren, grenzt an Zynismus. Seit der Aufklärung des Mordes an Mehmet Kubasik durch die NSU-Terrorzelle ist jegliche Präsenz der Nazis in Dortmund eine noch größere Belastung für Migranten‘, heißt es in einer Pressemitteilung der Jusos… Als Frei.Wild im Oktober 2012 in der Westfalenhalle auftreten sollte, mischte sich im Vorfeld des Konzerts sogar Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) in die Debatte ein. Sierau warnte die Band: ‚Sollte die Gruppe bei ihrem Auftritt rechtsextremes Gedankengut äußern oder sollte ihr Auftritt zu einem Kristallisationspunkt für rechtsextreme Manifestationen werden, ist die Band in Dortmund nicht willkommen.‘ In dem Falle sei der Auftritt in der Westfalenhalle der letzte in Dortmund gewesen.“

Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden Musikinteressierte zu Auftritten von Künstlern ins Ausland fahren müssen, weil die hier Auftrittsverbot haben.

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