Qualitätspresse sackt weiter ab

Ein erster Überblick zeigt, dass sich die deutsche Qualitätspresse auch im zweiten Quartal 2014 gegenüber dem Vorjahresquartal weiter im Sinkflug befindet. Besonders deutlich wird dies in Berlin, wo B.Z. und die von Springer an die Funke-Gruppe verkaufte Berliner Morgenpost jeweils mehr als sechs Prozent verlieren. Auch in Hamburg sackt das von Springer an Funke verkaufte Abendblatt trotz Auflagenkosmetik um 4,2 Prozent ab. Da Funkes Heimatblätter in Nordrhein-Westfalen (WAZ und andere) so schwindsüchtig wie im Vorquartal bleiben (minus 7,3 Prozent), kommt auf den Konzern ein größeres Problem zu, zumal auch die Anzeigeneinnahmen wegbrechen. Ob Springer den vollen Kaufpreis für die an Funke abgegebenen Blätter jemals noch erhalten wird, ist fraglich. In einen Konkurs der Funke-Gruppe würde damit auch Springer hineingezogen.

Neben der demografischen Entwicklung und fortschreitender Analphabetisierung der Bevölkerung liegen die Gründe für die Auflagenverluste in einer kaum noch steigerungsfähigen Ignoranz der Qualitätsjournalisten. Der Kommunikationsberater Hasso Mansfeld spricht von drei Stufen der Ignoranz:

„Auf der ersten Stufe wird mangels Zeit und Personal nicht mehr mit den Quellen gesprochen. Recherche bleibt zunehmend aus, Übernahmen aus Agenturmeldungen dominieren mehr und mehr die Berichterstattung…

Auf der zweiten Stufe der Ignoranz steht das ,Kollegengespräch’… Statt selbst zu recherchieren, Angaben auf Wahrheitsgehalt zu prüfen oder mit den Protagonisten vor Ort zu sprechen, interviewt man im warmen Senderaum lieber den hauseigenen über den zu berichtenden Fall. Dumm nur, dass dieser Hausexperte seine Informationen auch nur aus der Zeitung oder den Agenturen hat..

Auf der dritten und höchsten Stufe der Ignoranz schließlich macht sich der Journalist selbst zur Nachricht. Statt über ein Ereignis weitere Neuigkeiten zusammenzutragen, schreibt uns der jeweilige Reporter beispielsweise, was ,er fühlte‘, als er von dem Ereignis aus den Agenturen erfahren hatte – so, wie etwa bei der Berichterstattung über das Ergebnis der Europawahl. Statt Analysen über die Stimmengewinne der rechtsextremen Front National in Frankreich, bekommen wir anderes vorgesetzt: Seitenweise ,berichten‘ die Schreiber über ihre Emotionen, als sie von dem Wahlergebnis erfuhren. Die Journalisten stellen sich auf dieser Stufe der Ignoranz also selbst in den Mittelpunkt des Geschehens, äußere Anlässe werden zur Selbstbespiegelung herangezogen. Mit anderen Worten: Die Reporter wollen ab sofort keine Nachrichten mehr liefen, sie wollen – endlich! – selbst die Nachricht sein.“

Also kein Wunder, dass die Auflagen wegbrechen. Die Leute wollen solide Informationen statt Geschwafel. Es wird allerdings mit der Qualitätspresse nicht mehr lange dauern, wenn die Auflagen weiter so wegbrechen.

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