Weniger Ritalin verschrieben – wirklich?

Wenn Kita-Erzieher, engagierte Lehrer, besorgte Eltern und weitere Angehörige der Zivilgesellschaft mit dem verhätschelten Nachwuchs nicht mehr klar kommen, muss der Arzt helfen. Der verschreibt dann „Ritalin“, ein Medikament, das überdrehte Kinder ruhig stellen soll. Das Vollstopfen der Kleinen mit Tabletten ist der Zivilgesellschaft natürlich peinlich, denn in der Verschreibungspraxis liegt das unausgesprochene Eingeständnis, dass Helikopter-Eltern (kreisen Tag und Nacht über ihren Kindern) dem Nachwuchs einen Terminplan aufs Auge drücken, bei dem jeder Manager nach zwei Monaten ein Burn out hätte. Auch das Abschieben von Kleinstkindern in Kitas schädigt die Kinderseele frühzeitig und nachhaltig. Und über gutmenschliche Lehrer, die mit Neunjährigen diskutieren und Autorität für einen Begriff aus der Nazizeit halten, muss man sich nicht weiter auslassen.

Kinder brauchen Familie. Sie brauchen einen geordneten Rahmen für ihr junges Leben mit viel Zeit zur Selbstbeschäftigung. Muße ist gefragt und nicht permanenter Jahrmarktrummel.

Natürlich ahnt die Zivilgesellschaft, dass die Erziehung von Kindern in Deutschland fürchterlich schief läuft und dass hier zu Hunderttausenden verhaltensgestörte kleine Monster produziert werden. Wie ein Ertrinkender nach einem Strohhalm greift, wird jetzt jede Botschaft aufgeblasen, die besagt, dass Kita-Betrieb mit Babys, Inklusions-Schulen und Gutmenschen-Pädadogik doch erfolgreich sind. Wir lesen bei der staatsnahen Nachrichtenagentur adn dpa: „Erstmals seit 20 Jahren weniger Ritalin gegen Zappelphilipp-Syndrom“. Es seien Zweifel laut geworden, ob es immer Pillen sein müssen. adn dpa jubelt: „Nun scheint eine Trendwende in Sicht.“ Begründet wird die Trendwende damit, dass im Jahr 2013 1.803 Kilogramm des Wirkstoffs gegen die ADHS-Störung verschrieben worden seien, ein Jahr zuvor seien es noch 1.839 Kilogramm gewesen. Da zu einem qualitätsjournalistischem Text immer eine zweite Zahl gehört, erfährt der Leser, dass die Zahl der Kinder zwischen sechs und 17 Jahren, die Ritalin gegen ADHS verschrieben bekamen, laut Techniker-Krankenkasse von 2009 und 2012 bundesweit um 3,4 Prozent gesunken sei.

Eine dritte Zahl soll der Leser natürlich nicht erfahren, weil sie die „Trendwende“ als falsch entlarven würde. Sie findet sich im Statistischen Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland. Danach sank die Zahl der Kinder bis 14 Jahren in Deutschland seit dem Jahr 2000 von 12,78 Millionen auf nunmehr 10,83 Millionen. Allein seit 2009 ging die Zahl der Kinder in dieser Altersgruppe um rund 200.000 zurück. Auch ältere Jahrgänge verzeichnen Rückgänge.

Es wird also nicht weniger Ritalin verschrieben, sondern es gibt schlicht und ergreifend weniger Kinder, die mit dem Zeug vollgestopft werden können.

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