Asylbewerber Opfer zweiter Klasse

Es gab keine Trauerveranstaltung, der Bundespfaffe kam nicht mit einem Licht zum Brandenburger Tor, man sah nicht einmal eine Mahnwache vor der Botschaft von Eritrea in Deutschland. Selbst der sonst unverzichtbare Beileidsbrief von Bundespräsident Joachim Gauck wurde nicht abgeschickt. Dabei hatten die Medien am 21. Januar 2015 über die Aufklärung des gewaltsamen Todes des Asylbewerbers Khaled Bahray berichtet. So schrieb die staatsnahe Nachrichtenagentur adn dpa: „Der gewaltsame Tod eines Asylbewerbers in Dresden ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft aufgeklärt. Gegen einen Mitbewohner und Landsmann des 20-Jährigen aus Eritrea sei Haftbefehl wegen Totschlags erlassen worden, sagte Behördensprecher Jan Hille am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur und bestätigte damit einen Bericht von bild.de.“

Die Medien und gerade die staatsnahe Nachrichtenagentur adn dpa hatten Tage vorher ganz anders über den Fall berichtet, so dass in Berlin und anderen Städten bereits Gedenkmärsche und Mahnwachen stattfanden.

Hier eine kleine Presseschau: So schrieb adn dpa am 17. Januar 2015: „Dresden (dpa) – Mehrere Tausend Menschen haben in Dresden des erstochenen Asylbewerbers aus Eritrea gedacht. Die Demonstranten forderten bei dem Marsch durch die Innenstadt eine rasche Aufklärung des Falls. Dabei wurde auch die Befürchtung geäußert, die Tat könne rassistisch motiviert gewesen sein. Zudem wurde die Pegida-Bewegung kritisiert. Durch deren Aufmärsche sei Dresden zu einem „Zentrum der Fremdenfeindlichkeit“ geworden, hieß es.

ntv.de berichtete am 17. Januar 2015: „In der derzeit sehr angespannten Zeit macht ein Todesfall in Dresden die Menschen betroffen. Tausende Demonstranten erinnern an den getöteten Asylbewerber aus Eritrea. Viele Ausländer trauen sich in Dresden indes kaum noch auf die Straße. ,Ich bin Khaled‘ steht auf vielen Schildern geschrieben.“ Die Hintergründe der Tat bezeichnet zwar auch ntv als unklar, aber „in einer Erklärung zur Demo wurde die Befürchtung geäußert, die Gewalttat könne rassistisch motiviert sein.“ ntv berichtet von jungen Ostafrikanern in Dresden, die über einen Umzug nachdenken würden, von muslimischen Frauen, die nicht wagten, mit Kopftuch auf die Straße zu gehen. Und zitiert eine Sprecherin des Ausländerbeirates: „Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen, die bei uns Schutz suchen und ein Recht darauf haben, sich unsicher und verängstigt fühlen.“ Lena Kampf zitiert auf tagesschau.de lange vor Aufklärung des Falles Andrea Hübner von der Opferberatung RAA. Hübner halte „die Befürchtungen für berechtigt, dass in der momentanen Stimmung die Hemmschwelle sinkt, Hetze in die Tat umzusetzen.“

n24.de war sogar in der Wohnung des Getöteten, sprach mit Mitbewohnern, die Angst hätten: „In den nächsten Tagen wollen die Flüchtlinge in der Wohnung bleiben, um das Geschehene zu verarbeiten, zu trauern. Aber wenn die Männer aus dem nordostafrikanischen Eritrea an ihre Zukunft denken, wollen sie nur eines: weg.“ Hat n24.de vielleicht sogar den Täter interviewt?

In der Stuttgarter Zeitung war am 17. Januar 2015 zu lesen: „Noch ist zwar völlig offen, wie der 20-Jährige ums Leben kam, doch die Behörden haben anfangs kategorisch jegliches Fremdverschulden ausgeschlossen. Ein Farbiger liegt blutüberströmt im Hof einer Plattenbausiedlung, in der immer wieder Hakenkreuze an Wände geschmiert werden. Und das in einer Stadt, in der just an jenem Abend 25.000 Pegida-Anhänger aufmarschiert sind, von denen sich viele mit Hetzparolen gegen Ausländer nicht zurückhalten. Wer da nicht in jede denkbare Richtung ermittelt und eine fremdenfeindliche Tat zumindest in Erwägung zieht, hat seinen Job verfehlt.“

Allerdings dürfte eher der Qualitätsjournalist von der Stuttgarter Zeitung seinen Job verfehlt haben. Aber auch adn dpa ließ nicht locker: „Seit Wochen gehen in Dresden Tausende Pegida-Anhänger auf die Straße und protestieren gegen eine angebliche Überfremdung. Sie fordern eine Verschärfung des Asylrechts, warnen vor der ,Islamisierung des Abendlandes‘. Die Stimmung in der Stadt ist aufgeheizt. Ausgerechnet jetzt wird in Deutschlands Pegida-Hochburg die Leiche eines jungen Asylbewerbers gefunden. Auch wenn Hintergründe und Motive noch völlig im Dunkeln liegen, löst die Gewalttat Entsetzen aus,“ berichtet dpa am 15. Januar 2015.

Der britische Guardian, in dessen Redaktion ebenfalls viele Gutmenschen wie ihre qualitätsjournalistischen Kollegen in Deutschland die Auflage in den Keller schreiben, toppte am 19. Januar aber alles: „Nein, nein, nein, bitte nicht zu all dem anderen auch noch das. Drei Tage bevor ein junger Mann aus Eritrea in Dresden ermordet wurde, war ein Hakenkreuz an die Tür seiner Wohnung geschmiert worden. An dem Abend, an dem er vergangenen Montag erstochen wurde, hatte die fremdenfeindliche Bewegung, die inzwischen weltweit unter dem Namen Pegida bekannt ist, ihre bisher größte Demonstration in dieser schönen Stadt an der Elbe abgehalten.“

Jetzt, da alles aufgeklärt zu sein scheint, ruht der Mediensee still vor sich hin. Es gibt keine Nachrufe, keine mitfühlenden Kommentare, sondern nur eine Kurzmeldung auf hinteren Seiten – wenn überhaupt. Der getötete Flüchtling aus Eritrea ist ein Opfer zweiter Klasse.

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