Lebensversicherung: Game over

Statistisch gesehen hat jeder Deutsche mehr als eine Lebensversicherung. 1,4 Billionen Euro haben die Bundesbürger in Lebensversicherungen investiert, um damit ihre immer weiter sinkenden gesetzlichen Renten aufzubessern. Die Rechnung durchkreuzt Europas oberster Geldfälscher Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Durch deren Nullzinspolitik, die die Lasten der Staatsverschuldung der Südländer reduziert, werden die deutschen Lebensversicherten enteignet. Denn eine wundersame Geldvermehrung gibt es nicht. Es gilt: Wenn der Süden Zinsen spart, muss der Norden (also wir) zahlen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat die Rechnung vorgelegt, und die kann sogar ein Gutmensch mit NRW-Abitur verstehen: Für alle deutschen Lebensversicherungsverträge zusammen beträgt der Garantiezins, den die Gesellschaften zahlen müssen, derzeit 3,2 Prozent. Die Staatsanleihen, in denen die Lebensversicherungen das Geld ihrer Kunden anlegen, bringen jedoch nur noch etwa 0,3 Prozent. Dass hier eine Bombe hochgehen wird, ist absehbar. Dabei ist es völlig egal, ob die Lebensversicherungsgesellschaften pleite gehen oder ob die Ansprüche der Versicherten zinslos gestellt werden und sie froh sein dürfen, wenn sie überhaupt noch das eingezahlte Geld wiederbekommen, das es bis dahin durch die Inflation weitgehend wertlos geworden sein dürfte.

Noch leise, aber schon vernehmbar, melden sich die deutschen Versicherungsmathematiker, die Aktuare, zu Wort. Ihr Verband fordert, die von den Gesellschaften zu erwirtschaftende Zinszusatzreserve, mit der Niedrigzinszeiten überbrückt werden sollen, nicht mehr so schnell aufzubauen. Die Aktuare hatten in ihren Berchnungen den von Draghi verursachten Zinsrutsch nicht für möglich gehalten – ein weiterer Beleg dafür, wie marode das ganze System ist.

Der Finanzanalyst Antonio Sommese warnt deutlicher: „Die letzte Finanzkrise ging von der Immobilienblase in den USA aus. Die nächste wird von der europäischen Versicherungswirtschaft ausgelöst werden.“ Weiter sagt Sommese: „Jeder in der Branche kennt die Lage, aber keiner weiß Abhilfe.“ Die MainFirst Bank AG hat die Versicherungswirtschaft untersucht. Ihr Ergebnis liest sich nur auf den ersten Blick wie eine Beruhigungspille: „Bleiben die Zinsen am Kapitalmarkt weiterhin so niedrig wie jetzt, wird bis zum Jahr 2025 die Branche insgesamt Verluste schreiben.“ Natürlich kippen schwächere Versicherungen früher, und dann setzt der Run auf die Verträge ein; die Leute wollen ihr Geld zurück. Dann fällt das System wie ein Kartenhaus zusammen, und die schöne Riester-Welt ist genau so weg wie die Versorgungswerke für Ärzte, Architekten, Anwälte und Journalisten.

Der deutsche Mittelstand wird verarmen wie das kaiserliche Großbürgertum, das im Ersten Weltkrieg Wilhelms Kriegsanleihen vertraute, mit denen man nach der Flucht Seiner Majestät nach Holland nur noch Wohnungen tapezieren oder den Ofen anheizen konnte. Die Parallelen kann jeder im Gesetzbuch nachlesen: Paragraf 89 des Versicherungsaufsichtsgesetzes schreibt vor, dass die Versicherungen im Pleitefall als erstes ihre Zahlungen an die Kunden einzustellen haben. Wenn mit der Versicherungssumme fällige Hypotheken beglichen werden sollen und das Geld nicht mehr reicht oder erst gar nicht kommt, werden Zwangsverkäufe von Immobilien die Folge sein. Damit platzt die nächste Blase, und zu der Versicherungs- kommt eine Immobilienkrise. Da die Banken durch die Zwangsverkäufe der Häuser wegen sinkender Preise nicht mehr auf ihre Kosten kommen werden, gehen sie auch pleite, falls nicht der Staat beziehungsweise Draghis EZB eingreift und alle mit wertlosem Geld abgespeist werden. Das ist im Ergebnis auch nicht besser.

Natürlich versucht die Berliner Räuberbande die Situation zu verniedlichen. Das Bundeskabinett verabschiedete einen Verordnungsentwurf, der den Lebensversicherungsunternehmen erlauben soll, in Infrastrukturprojekte zu investieren, wo sie höhere Erträge als die 0,3 Prozent bei Staatsanleihen bekommen sollen. Das soll wohl die Rettung sein. Willfährige Systemschreiberlinge in der deutschen Qualitätspresse legten sofort los: „Das Geld liegt unter den Brücke“, war in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu lesen. Und im Berliner Tagesspiegel klang es hoffnungsfroh: „Neue Milliarden für die Energiewende“.

In zwei Sätzen lässt sich die Propaganda entlarven: 1. Wenn sich der Staat zu null Zinsen das Geld für den Bau von Brücken und Straßen leihen kann, braucht er keine teuren ÖPP-Projekte, was auch ein Verstoß gegen das Gebot sparsamer Haushaltsführung wäre. 2. Jeder in die Energiewende investierte Euro ist verloren, weil sich kein Flatterstrom-Projekt jemals rechnen wird.

Und was ist, wenn der Geldfälscher Draghi die Zinsen erhöhen würde? Es brächte auch nichts mehr. Denn dann würden die europäischen Staaten reihenweise pleite gehen. Um das zu verhindern, würden von den Politikern vorher die Staatsanleihen (in denen die Versicherer das Geld ihrer Kunden anlegen, siehe oben) ganz oder teilweise wertlos gestellt werden. Entsprechende Wertreduzierungsklauseln enthalten heute alle Staatsanleihen – auch deutsche. Dann wären die Lebensversicherungen auch wieder pleite.

So oder so: Die Zocker sitzen zwar noch am Tisch, aber das Spiel ist längst aus.

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