Frau Kraft, NRW und das böhmische Dorf

Zilina ist ein Ort, den kaum jemand kennen dürfte. Das liegt nicht am miserablen NRW-Abitur, sondern daran, dass es sich bei Zilina um einen Ort hinter der tschechischen Grenze handelt, in einem Land namens Slowakei, das heute zur EU gehört und die Euro-Währung hat. Früher wäre Zilina als typisches „böhmisches Dorf“ abgetan worden, aber heute lässt eine Pressemitteilung des südkoreanischen Autobauers Kia erstaunen. Danach haben Kia-Arbeiter in Zilina im vergangenen Jahr 323.000 Kia-Autos gebaut und außerdem 493.000 Automotoren. Damit die Dimension klar wird: In Zilina laufen jeden Tag beinahe 1.000 Autos vom Band und können auch über ein gutes Straßen- und Schienennetz abtransportiert werden. Die entscheidende Frage liegt auf der Hand: Warum wurden diese Autos nicht in Nordrhein-Westfalen gebaut, in Bochum etwa, wo Opel gerade dicht gemacht hat und genügend Arbeitskräfte vorhanden wären?

Die Antwort liegt genauso auf der Hand, und sie ist auch ein Teil der Antwort auf das Ende von Opel in Bochum und auf die Flucht von Investoren aus dem Ruhrgebiet, der einstigen Herzkammer der deutschen Industrie. Industrie braucht immer gutes Fachpersonal. Die Arbeiter müssen eine gute Bildung haben und sie dürfen nicht aus Milieus kommen, die den Tag mit einer Flasche Bier beginnen. In der Slowakei ist nach Jahrzehnten Sozialismus weiter Aufbruchstimmung, die Leute sind motiviert und wollen ihren Wohlstand verbessern.

In Nordrhein-Westfalen und im Ruhrgebiet herrscht nach offiziellen Angaben dagegen Strukturwandel. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der Strukturwandel hat in Bayern, wo ebenfalls gute Bildungspolitik gemacht wurde, zu einer beispiellos positiven Entwicklung geführt. Weltkonzerne haben ihren Sitz in München, und sie finden dort auch genügend Personal. In Nordrhein-Westfalen, wo kein ideologiebehafteter Blödsinn ausgelassen wurde, haben stattdessen unzählige Bildungsreformen das Schulwesen zerstört und den Kindern ihre Bildungschancen genommen. Man hat Radwege gebaut, wo Straßen notwendig gewesen wären. Zwei Rheinbrücken, zentrale Verkehrsadern, sind wegen Baufälligkeit für Lkw gesperrt, das Schienennetz ist marode, und die Stromleitungen sind es auch. Schulen und öffentliche Einrichtungen verfallen.

Schlimmer ist noch, dass der Wunsch, wieder nach vorne zu kommen, verschwunden ist. Erstarrt in der rot-grünen Gelatine ist von der Landesregierung und der Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) nur noch zu hören, wogegen das Land kämpfen wird: Beim Thema Fracking pocht Kraft auf ein Totalverbot der unkonventionellen Gasförderung und will selbst Erprobungen nicht erlauben. Dabei befindet unter großen Teilen des Landes eine gigantische Gasblase, die nur angestochen werden müsste. In den Vereinigten Staaten haben die niedrigen Energiepreise zu einer Reindustrialisierung geführt. Der Wohlstand wächst wieder.

Was in Nordrhein-Westfalen wächst, ist dagegen die Armut. Die Armutsquote stieg im größten Bundesland von 16,3 auf 17,1 Prozent (Bundesdurchschnitt 15,5 Prozent). Im Ruhrgebiet ist die Armutsquote sogar von 18,6 auf 19,7 Prozent gestiegen. „Seit 2006 ist die Zahl der armen Menschen in NRW um ein Fünftel gestiegen, doppelt so stark wie im Bundesdurchschnitt“, wundert sich die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), deren Redakteure schon lange den Überblick darüber verloren haben, was in ihrem Land wirklich los ist und die in Jubel ausbrechen, wenn in Bochum von der Deutschen Post ein Paketzentrum errichtet wird, in dem Mindestlohnbezieher Pakete von Amazon und Zalando verteilen. Dann schreien alle vor Glück.

Wie Hohn muss es den Ex-Arbeitern von Opel in Bochum und anderer geschlossener Industriebetriebe vorkommen, wenn der Nutzfahrzeugchef von Volkswagen, Eckhard Scholz, das Nachbarland Polen als leuchtendes Vorbild für den Automobilbau preist. In der Nähe von Posen errichtet VW für 800 Millionen Euro ein Werk, wo der VW-Crafter gebaut werden soll. „Wir haben hier tolle Voraussetzungen und eine wirklich beeindruckende Identifikation mit unserem Unternehmen“, sagt Scholz. Ja warum werden diese Autos nicht in Bochum gebaut, nicht in Dortmund, nicht in Gelsenkirchen oder in Essen?

Weil das ganze Land einen Burnout hat. Die Leute wollen Hartz IV, Fußball gucken und vielleicht noch einen Halbtagsjob. Die, die noch arbeiten, stehen schon morgens lethargisch im Stau rund um Köln oder auf der A 42 zwischen Duisburg und Dortmund – und das seit 25 Jahren. Soll eine Bahn modernisiert oder eine Straße gebaut werden, treten ganze Heerscharen von grünen Oberstudienräten auf den Plan, die solche Projekte mit allen Mitteln bekämpfen, statt den Kindern das Lesen, das Rechnen und das Schreiben beizubringen. Die letzte technische Neuerung, die diese Leute noch akzeptiert haben, war der Farbfernseher, und selbst dabei sind wir uns nicht ganz sicher.

Es sind genau diese Leute, die froh sind, dass BASF sein neues Ammoniak-Werk in Texas errichtet und nicht in Nordrhein-Westfalen, wo es einmal gute Standortvoraussetzungen für die Chemieindustrie gab. Dort schleicht sich die Bayer AG langsam aber sicher davon, RWE und E.ON liegen im Sterben, Karstadt auch, die Metro siecht dahin. Die Ruhrkohle wird es 2018 nicht mehr geben, ThyssenKrupp ist längst ein Sanierungsfall. Wo früher in Dortmund Hoesch Stahl produzierte, sind jetzt grüne Wiesen. Das Stahlwerk bauten Chinesen ab und produzieren heute damit Stahl in China. Wahrscheinlich freut sich Kraft noch darüber.

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