Die Zeitung und der kluge Kopf

Hinter dieser Zeitung, so einer der legendärsten Werbesprüche des 20. Jahrhunderts, befinde sich immer ein kluger Kopf. Genau das macht das Problem der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) aus. Denn am Redaktionstisch ist von Klugheit oft nichts mehr zu spüren, der Geist von Johannes Gross ist verweht. Das merken die klugen Leser natürlich, und in der Folge geht die verkaufte Auflage in den Keller, was besonders die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FASZ) betrifft.

Ein kleines Beispiel macht dies deutlich. In der Ausgabe vom 10. Mai 2015 schreibt Qualitätsjournalistin Lisa Nienhaus über die möglichen Folgen eines Austritts von Großbritannien aus der EU. Der sogenannte „Brexit“ war vor und nach den Unterhauswahlen ein Thema. Die Qualitätsjournalistin beginnt den Artikel so: „Schon die ersten Überschriften in deutschen Medien machten deutlich, dass die meisten Deutschen bei dieser Wahl nur an eines dachten: Wird Großbritannien am Ende womöglich die Europäische Union verlassen?“

Das ist reine Hybris der deutschen Journaille, von Pegida und anderen nicht zu Unrecht als Lügenpresse gegeißelt. Wenn Qualitätsjournalisten wie Lisa Nienhaus glauben, die Überschriften und Inhalte deutscher Gazetten decken sich mit dem, was das Volk denkt, dann müssten die Auflagen ja steigen oder wenigstens stabil bleiben statt ins Bodenlose zu fallen. Die meisten Deutschen werden sich beim britischen Wahlausgang vermutlich gar nichts gedacht haben – und falls doch, dann dürften sie Freude empfunden haben, dass die Briten bald über die EU-Zugehörigkeit abstimmen dürfen, während die politische Klasse in Deutschland sich weigert, das Volk abstimmen zu lassen.

Hybris und mangelnde Sachkunde sind die Gründe für das immer schnellere Zeitungssterben in Deutschland. Qualitätsjournalistin Lisa Nienhaus meint etwa, ein EU-Austritt Großbritanniens wäre ein Problem, weil dann zahlreiche EU-Freihandelsabkommen für die Briten nicht mehr gelten würden und mühsam neu verhandelt werden müssen. Das ist Blödsinn. Internationale Abkommen, die zum Beispiel die Sowjetunion noch geschlossen hatte, gelten auch für die Nachfolgestaaten, bis was Neues ausgehandelt wird. Etliche vergleichbare Fälle betreffen auch das auseinander gefallene Jugoslawien, dessen internationale Verträge von den Nachfolgestaaten zunächst übernommen wurden. Und warum Großbritannien die Freizügkeit für Einreisende, die dort arbeiten wollen, im Falle des EU-Austritts aufheben muss, bleibt wohl Geheimnis der Zeitung, die immer mehr kluge Köpfe nicht mehr kaufen wollen.

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