Neues vom Hochstapler: Springers Griff nach der FT

Je prekärer die Lage eines Hochstaplers wird, desto größer werden seine Luftschlösser. Diese Erfahrung kann jeder bestätigen, der einmal mit einem Hochstapler zu tun gehabt hat. Wieder einmal gibt es Nachrichten vom einstmals größten deutschen Zeitungshaus Axel Springer und dessen Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner. Nachrichten, die nicht zusammenpassen und die nur einen Sinn ergeben, wenn sie als Blendgranaten zur Täuschung der wahren schlimmen Situation eingesetzt werden.

Zuerst zur wahren Situation: Springers Geldkuh, die Bild-Zeitung, befindet sich weiter im freien Auflagen- und Reichweitenfall. Im zweiten Quartal 2015 fiel die Auflage um fast zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Die Geschäfte im Internet laufen alles andere als prächtig. Springer agiert mit ein paar Portalen, kündigt zum Beispiel eine Offensive im US-Markt mit seiner Tochter Bonial mit zwölf Millionen Dollar an. Das ist lächerlich. Die Summe entspricht dem Jahresumsatz eines mittelständischen Maschinenbauers mit 100 Beschäftigten. Wenn Döpfner auf der Hauptversammlung behauptet, im Internet sei „die Bezahlbereitschaft extrem ermutigend“, so ist dies ebenfalls nicht nachvollziehbar. Erfahrungen anderer Unternehmen besagen das Gegenteil.

Nach dem Verkauf seiner letzten Regional- und Fernsehzeitschriften für knapp eine Milliarde Euro an die Essener Funke-Grupe ist Springer aber so liquide, dass Döpfner Löcher stopfen und Gewinne ausweisen kann. Aber schon zum Kauf des Portals T-online, das ihm die Deutsche Telekom nur zu gerne überlassen hätte, reicht das Geld nicht mehr. Und da sich mit dem Einstieg bei Berliner start-ups kein großer Umsatz und schon gar kein Gewinn machen lässt, gab es neue Gerüchte. Springer wolle mit Pro Sieben Sat 1 fusionieren, hieß es. Döpfner unternehme einen neuen Anlauf, „um einen digitalen Medienkonzern zu schmieden“, staunte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 8. Juli 2015. Umgekehrt wäre es richtig: Pro 7 Sat 1 könnte Springer schlucken. Dazu passte eine Erklärung, dass sich Friede Springer (Witwe von Axel Springer) die Mehrheit an Springer sichern wolle, etwa durch Umstellung von einer europäischen Aktiengesellschaft (SE) auf eine deutsche Rechtsform (Kommanditgesellschaft auf Aktien, KGaA). Nebeneffekt: Bei einer KGaA sind die Publikationspflichten nicht so umfassend wie bei einer SE, was Finanzvorständen größere Gestaltungsmöglichkeiten gibt, um es zurückhaltend zu formulieren.

Kurz danach die nächste Überraschungsnachricht: Springer habe beim Kauf der britischen „Financial Times“ (FT) mitgeboten. Der Kauf der britischen Zeitung wäre jedoch ein Rückmarsch ins analoge Zeitalter gewesen und hätte in krassem Widerspruch zum Ziel eines digitalen Medienkonzerns gestanden. Und zu einem fusionierten Medienkonzern Springer/Pro Sieben Sat 1 hätte der FT-Erwerb überhaupt nicht gepasst. Es ist eher davon auszugehen, dass Döpfner sich drangehängt hat, als der Verkauf der FT an die japanische Nikkei-Gruppe für angeblich 1,2 Milliarden Euro bekannt wurde, um eigene (nicht mehr vorhandene) Stärke zu demonstrieren.

Das Nachrichtenportal politico.eu kam im Nachgang noch mit einer Geschichte, die demonstrieren sollte, wie ernst es Döpfner mit dem Erwerb der FT angeblich war. Danach hätte Döpfner dem ET-Eigentümer Pearson angeblich eine Milliarde Euro geboten. Das Portal politico.eu wird betrieben von – Axel Springer.

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