Lügenpresse reloaded: Kohle machen mit Griechen

Selbst das dümmste Gegackere von irgendwelchen Wissenschaftlern bekommt in Deutschland große Schlagzeilen, wenn es nur in die gewünschte Richtung passt. „Deutschland profitiert selbst bei Griechenland-Pleite“ war etwa bei „Zeit online“ zu lesen. Das Portal berichtet über eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH): „Hintergrund sind die aufgrund der Krise gesunkenen Zinsen auf deutsche Staatsanleihen. Dem IWH zufolge konnte der deutsche Fiskus in den letzten viereinhalb Jahren allein aus diesem Grund mehr als 100 Milliarden Euro einsparen. Dies sei mehr als die rund 90 Milliarden Euro, die Griechenland Deutschland direkt und indirekt zum Beispiel über den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) schulde. ‚Diese Einsparungen übertreffen die Kosten der Krise – selbst dann, wenn Griechenland seine Schulden komplett nicht bedienen würde‘, heißt es in einer Mitteilung des IWH. Deutschland habe also in jedem Fall von der Griechenland-Krise profitiert.“

Na wunderbar, glaubt der deutsche Blödmichel, zumal ihm solche Überschriften überall um die Ohren gehauen werden und selbst die ausländische Presse voller Meldungen ist. „So stark profitiert der deutsche Staat von der Eurokrise“, wusste auch Spiegel online. Google meldet zu den entsprechenden Suchworten 238 Beiträge in Zeitungen und auf Portalen.

Die Zahl ist gelogen, was aber keinem deutschen Qualitätsjournalisten aufgefallen ist beziehungsweise unterschlagen wurde. Die Spoekenkiekerei berichtete bereits am 21. August 2013: „Unter Berufung auf die Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Joachim Poß wird vorgerechnet, dass die Ausgaben für Zinsen für deutsche Staatsanleihen zwischen 2010 und 2014 um 40,9 Milliarden Euro niedriger gewesen seien als ursprünglich geplant. Der Grund ist die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).“

Das IWH verwendet in seiner in englischer Sprache (sic!) verfassten Studie ausschließlich Daten zu Bundesanleihen, Länder und andere (z.B. Abwicklungsanstalten) werden nicht berücksichtigt. Es kommt also für einen Zeitraum von viereinhalb Jahren mit 100 Milliarden Euro auf einen mehr als doppelten so hohen Wert wie das Bundesfinanzministerium für den Vierjahreszeitraum. Das kann nicht sein.

Völlig unberücksichtigt bleiben die Verluste deutscher Sparer. Über die Dimension hatten wir schon früher berichtet: „Durch die von Deutschland mit zu verantwortende Niedrigzinspolitik im Euroraum haben die deutschen Sparer nach Angaben des Chefs des Münchener Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts, Hans-Werner Sinn, bisher 300 Milliarden Euro verloren. Das entspricht dem Volumen der Bundesausgaben in einem Jahr. Sinn erklärte: ,Nach meiner Berechnung sind den Deutschen seit 2008 etwa 300 Milliarden Euro entgangen im Vergleich zu den Zinsen, die Ende 2007, vor Ausbruch der Krise, zu erzielen waren.‘ Pro Jahr liege der Verlust bei 60 bis 70 Milliarden Euro.“

Außerdem steht das System der Lebensversicherung, die viele Deutsche als private Altersvorsorge abgeschlossen haben, auf dem Spiel: Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat die Rechnung vorgelegt, und die kann sogar ein Gutmensch mit NRW-Abitur verstehen: Für alle deutschen Lebensversicherungsverträge zusammen beträgt der Garantiezins, den die Gesellschaften zahlen müssen, derzeit 3,2 Prozent. Die Staatsanleihen, in denen die Lebensversicherungen das Geld ihrer Kunden anlegen, bringen jedoch nur noch etwa 0,3 Prozent. Dass hier eine Bombe hochgehen wird, ist absehbar.

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