Ein totes Kind

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) schreibt am 4. September 2015 zu dem veröffentlichten Bild des im Mittelmeer vor der türkischen Küste ertrunkenen dreijährigen Kindes: „Gegen die Anklage, die von dem Bild eines toten Jungen ausgeht, kann sich niemand wehren. Auch das tote Kind nicht mehr.“ Die dahinsiechende Tageszeitung DIE WELT kommentiert: „Man sagt, das Bild sei wichtig, weil es das Elend der Flüchtlinge symbolisiert und die Trägen in Europa aufrütteln könne. Aber damit macht man den toten Jungen zum Ding. Der Ertrunkene wird Mittel zum Zweck. Und genau das, sagt Immanuel Kant, dürfe man mit Menschen nicht machen. Auch nicht mit toten Menschen.“

Auch wir trauern um jedes Opfer dieser Völkerwanderung, die gerade Richtung Europa stattfindet. Das deutsche Qualitätsjournalisten-Pack trauert nicht. Es instrumentalisiert und wird damit Erfolg haben. Thomas Böhm schreibt auf „Conservo“, Springers Qualitätszeitung BILD gehe über Leichen, weil sie das Foto von dem toten Kind veröffentliche. Die Instrumentalisierung des Fotos nennt Böhm „zynisch und menschenverachtend“. Die Instrumentalisierung ist jedoch in vollem Gange: Der Tagesspiegel aus Berlin betont: „Jedem, der dieses Bild gesehen hat, wird es wie ein Brandzeichen im Gedächtnis vor dem inneren Auge stehen, wenn Worte wie Scheinasylanten oder Wirtschaftsflüchtlinge fallen, wenn über Quoten und Überfremdung geredet wird. Niemand, der die Auseinandersetzung über den Umgang mit den Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und Eritrea bislang als eher ferne Debatte wahrgenommen hat, die ihn nicht betrifft, kann jetzt noch sagen, er wisse nicht, worum es geht – um Menschen, unschuldige Kinder, Frauen und Männer, die verzweifelt versuchen, ihr Leben zu retten.“

Die Südwest-Presse aus Ulm erinnert an das Bild des nackten, schreienden vietnamesischen Mädchens, das 1972 vor einem Napalm-Angriff der US-Armee flüchtete: „Es hat den Blick der Welt auf den Vietnam-Krieg verändert. Ein Bild, das jedes Tabu bricht und eigentlich nie hätte gedruckt werden dürfen, aber geholfen hat, den Krieg zu beenden. Vielleicht hilft der Anblick des toten Aylan, den unwürdigen Streit der Europäer zu beenden.“

Genau das wird die Wirkung des Bildes vom türkischen Strand sein. Aber war der kleine Aylan Kurdi ein Flüchtlingskind – oder wollte seine Familie nur dorthin, wo angeblich Milch und Honig fließen? Immerhin konnten seine ebenfalls gestorbenen Familienangehörigen und die Leiche des Kindes in ihre Heimatstadt Kobane in Syrien gebracht und dort beerdigt werden. Es gibt also ein geordnetes Bestattungswesen in einem Kriegsgebiet?

Solche Nachrichten (gemeldet im Deutschlandfunk) passen nicht zu den von den deutschen Qualitätsmedien immer wieder verbreiteten Meldungen über Menschen, die im letzten Moment vor Krieg, Mord und Folter hätten flüchten können und hier angeblich Schutz suchen. Und die dann mit ihren Angehörigen zu Hause mit teuren Handys telefonieren und problemlos Geld in die vermeintlichen Kriegsgebiete überweisen können.

Nachtrag (übernommen von quotenqueen): „Ein Interview mit der Tante des toten Kindes, dass an der türkischen Küste gefunden wurde, erhitzt die Gemüter. Demnach lebte die Familie bereits sicher in der Türkei und wollte die Flüchtlingsströme aus Syrien nutzen, um Zahnersatz für den Vater in Europa zu erhalten. Zwei Kinder und die Mutter ertranken ohne Schwimmwesten, als das Boot kenterte. Der Vater überlebte. Gerüchten zufolge trug er als einziger eine Schwimmweste.“

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