Lorenzo und Lügenpresse

„Ich möchte“, sagt ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, „in keinem anderen Land Nutzer von Medien sein als in Deutschland. Wir haben im Moment die besten Medien der Welt.“ Na, toll Herr Lorenzo, dann sollten Sie abends beim Speisen bei ihrem Hamburger Lieblingsitaliener mal der Frage nachgehen, warum sich die Auflagen im freien Fall befinden. Zum Beispiel in Hamburg: Da verliert das Hamburger Abendblatt im dritten Quartal 2015 gegenüber dem Vorjahresquartal 6,0 Prozent. Die Hamburger Morgenpost büßt sogar 9,3 Prozent Auflage ein.

Berlin galt einst als der am härtesten umkämpfte Zeitungsmarkt der Bundesrepublik Deutschland. Inzwischen ist die Hauptstadt Print-Rückzugsgebiet. Gekämpft wird hier schon lange nicht mehr. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann das erste Blatt eingestellt wird. So ist Springers B.Z. mit einem Verlust von 7,9 Prozent unter 100.000 verkaufte Exemplare gesunken. Aktuell werden von der B.Z. noch 97.430 Exemplare täglich verkauft. Der Tagesspiegel verliert 5,8 Prozent, die Berliner Zeitung 6,6 Prozent, der Berliner Kurier 7,1 Prozent und die Berliner Morgenpost ist mit einem Verlust von 6,1 Prozent und 68.285 Exemplaren das Auflagen-Schlusslicht in der Hauptstadt.

Ein gerade in Rente gegangener ehemaliger Kiosk-Besitzer fasste den Trend in Berlin schön zusammen: Vor zehn Jahren noch habe er jeden Tag 600 B.Z. verkauft, zuletzt seien es gerade noch 30 Stück gewesen.

In anderen Bundesländern geht es der Lügenpresse keinen Deut besser. In den neuen Bundesländern werden überall Verluste bis zu 5 Prozent ausgewiesen, in ländlichen Regionen Westdeutschland wie rund um Osnabrück sowie in Bayern und Baden-Württemberg sind die Verluste begrenzt und betragen bis zu 3 Prozent. Aber steter Tropfen höhlt auch den Stein.

Der Regierungskritikern gegenüber besonders feindlich eingestellte Kölner Express verliert 8,3 Prozent. 10.992 Leser haben die Flucht angetreten, das Blättchen liegt aber noch über 100.000 (exakt: 121.181). Die Funke-Mediengruppe mit Westdeutscher Allgemeiner Zeitung (WAZ) und weiteren Ruhrgebietsblättern nimmt um 5 Prozent ab. 571.486 Abonnenten und Käufer gibt es noch. Die Verluste wundern nicht in einer Region, in der immer weniger deutsch gesprochen und verstanden wird.

Auf einer Handelsblatt-Tagung zur Zukunft der Lügenpresse kam di Lorenzo den Problemen wenigstens auf die Spur: „Der Skandal an der Odenwaldschule etwa wurde schon um die Jahrtausendwende bekannt, aber keine Zeitung ist drauf eingegangen. Warum nicht?“ Wir haben die Antwort: Weil der politisch-mediale Komplex zusammenhält wie Pech und Schwefel und selbst grüne Kinderschänder deckt.

Di Lorenzo rechtfertigt das totale Medienversagen mit dem Hinweis, am Ende (Anm.: 15 Jahre später!) sei die Wahrheit doch ans Licht gekommen. Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe pflichtet der Aussage bei, die Wahrheit komme immer ans Tageslicht: „Das liegt vor allem daran, dass nordkoreanischer Schönfärbejournalismus schlicht nicht verkaufbar ist.“

Genau das ist euer Problem, Lügenpresse. Die Leute habe eure nordkoreanische Schönfärberei erkannt. Und deshalb bleibt ihr auf den Zeitungsstapeln sitzen.

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