Lügenpresse reloaded: Wie recherchiert wird

Wenn Lügenpresse bei Unterdrückung von Nachrichten erwischt wird, heißt es stets, die Qualitätsjournalisten hätten erst recherchieren müssen und das dauert bekanntlich. Nach den sexuellen Übergriffen ausländischer Fachkräfte auf deutsche Frauen in der Silvesternacht in Köln (inzwischen 650 Strafanzeigen) dauerte es vier Tage, bis die ersten Berichte in überregionalen und in elektronischen Medien erschienen. Das Internet war zu dem Zeitpunkt schon voll mit Nachrichten, breit diskutiert wurde die Unterdrückung jeglicher Berichterstattung. Folge waren Vorwürfe, die Medien seien „gleichgeschaltet, desinformierend und bevormundend würden wir oftmals berichten, wenn es um die heikle Thematik ginge“, seufzt Qualitätsjournalist Andreas Borcholte auf Spiegel online. Borcholte geht dann in den Verteidigungsmodus: „Das stimmt nicht, wir recherchieren, gehen Informationen auf den Grund und hinterfragen sie, wir veröffentlichen sie, wenn wir von ihrer Stimmigkeit überzeugt sind, zum Beispiel wenn wir sie selbst erlebt haben oder wenn es zwei unabhängige, verlässliche Quellen gibt und wir diese nachprüfen können. Ist dies nicht der Fall, machen wir bei der Berichterstattung deutlich, dass die Faktenlage unsicher ist. Ernst nehmen müssen wir solche Beschuldigungen dennoch. Auch, wenn zunächst die Empörung überwiegt und das ständige, oft polemische Kommentarfeuer selbst den robustesten Reporter mürbe macht.“

Ein Beispiel zeigt, wie das bei Lügenpresse in der Praxis aussieht. Hier geht es um einen Fall, der sich bei der staatsnahen Nachrichtenagentur adn dpa ereignete. Was gut aussieht und der Regierung nützlich zu sein scheint, wandert ungeprüft an die Kunden (Zeitungen, Fernsehanstalten, Radiosender) weiter. Kontrolle der „guten“ Nachrichten gibt es nicht mehr. Eine nationale Konkurrenzagentur ist auch nicht mehr vorhanden. Wie in der DDR existiert nur eine maßgebliche Agentur, die alle Medien mit Nachrichten versorgt.

Und gute Nachrichten kann man gar nicht schnell genug unters Volk bringen. So berichtete adn dpa am 30. September 2015, die Fluggesellschaft Ryanair wolle künftig Flüchtlinge auch ohne Visum aus Griechenland und einigen osteuropäischen Staaten in andere EU-Länder bringen.

Das wäre es doch gewesen. Die Flüchtlinge, die hier so willkommen sind, werden kostenlos eingeflogen. Zähneknirschend musste adn dpa allerdings wenig später zugeben: „In einer vermeintlich von Ryanair verschickten Mitteilung hieß es, die Fluggesellschaft wolle künftig Flüchtlinge auch ohne Visum aus Griechenland und einigen osteuropäischen Staaten in andere EU-Länder bringen. Die Mitteilung war jedoch ein Fake: Sie wurde von einem noch unbekannten Absender verschickt, eine Ryanair-Flüchtlingsaktion mit dem Namen „Ryanfair“ gibt es gar nicht.“

Die Nachricht von der guten Fluggesellschaft fand sich aber sofort auf den Webseiten von Hamburger Abendblatt, Austrian Aviation Net, Biz Travel, DerWesten, N24, FAZ und focus online (es waren noch viel mehr). Wie war das noch mit den zwei unabhängigen, verlässlichen Quellen, Herr Borcholte? Kein einziges Medium hat die Agenturmeldung gegenrecherchiert. Sie haben alle der Agentur adn dpa geglaubt. Zur Erinnerung: Auch in der DDR war es nicht üblich, adn-Meldungen gegenzurecherchieren.

Wir fragen uns nun: Wie kam es zu dem Fehler und lesen bei adn dpa sehr erstaunliche Dinge: „Bei der dpa in Berlin ging eine englischsprachige E-Mail mit dem Betreff „Press Release – Ryanair for Refugees“ („Presse-Mitteilung – Ryanair für Flüchtlinge“) ein. Der Text enthielt eine Ankündigung, wonach die irische Fluglinie Ryanair Flüchtlinge ohne Visa-Prüfung innerhalb der EU befördern wolle. Die Mail enthielt zudem Details zu der angeblichen Aktion, wie etwa Startzeitpunkt, Abflugorte oder Zielländer.“

Hier hätte man schon einmal misstrauisch werden können. Unternehmen in Deutschland verschicken ihre Meldungen nicht in englischer Sprache an deutsche Medien. Und das dpa-Bundesbüro ist für Unternehmensnachrichten die falsche Adresse. Aber man glaubte der Nachricht. adn dpa schreibt: „Die Mail wurde aus Berlin an das auch für Irland zuständige dpa-Büro London weitergeleitet. Dort schrieb ein dpa-Korrespondent eine kurze Meldung und einen längeren, zusammenfassenden Text zu der angeblichen Kampagne. Meldung und Zusammenfassung wurden in Berlin redigiert und an die dpa-Kunden verschickt.“

Ein ungeheuerlicher Vorgang: Weder in London noch in Berlin hatte es jemand für nötig befunden, bei der Fluggesellschaft anzurufen und sich den Inhalt bestätigen zu lassen. Das machen die doch sonst bei jeder Kleinigkeit. Aber hier ging es offenbar um „gute“ Nachrichten.

Lügenpresse ist kein Unwort, sondern eine Tatsachenbeschreibung.

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