Fessenheim: Der Unfall, der keiner war

Am 4. März 2016 meldete der Westdeutsche Rundfunk (WDR) in Köln zum französischen Kernkraftwerk Fessenheim im Elsass: „Atom-Unfall offenbar vertuscht.“ Urheber der Meldung war der Recherche-Verbund von „Süddeutscher Zeitung“ und den Staatssendern WDR und NDR. Dieser Verbund ist schon organisatorisch eine fragwürdige Veranstaltung: Durch den Verbund einer privat organisierten Zeitung mit zwei steuerfinanzierten (Zwangsgebühren) Anstalten dürften öffentliche Gelder oder Leistungen öffentlicher Einrichtungen der Privatwirtschaft zu Gute kommen. Dass wir es inhaltlich mit einer typischen qualitätsjournalistischen Einrichtung zu tun haben, dürfte auch klar sein. Für solche Institutionen hat sich der crossmedial gültige Begriff „Lügenpesse“ eingebürgert.

Schon das Datum der Meldung (4. März 2016) war verräterisch: Ausgerechnet neun Tage vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg, wo es um das politische Schicksal des ersten grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann gehen sollte, wird die Meldung vom schweren Störfall im AKW Fessenheim aufgetischt. Der Rest der Geschichte lief wie am Schnürchen: Die Story lief pausenlos auf allen Kanälen, die deutschen Blockparteien und auch Regierungsstellen zeigten sich empört. Viele Leute dürften das Gefühl gehabt haben, noch mal haarscharf am GAU vorbeigeschrammt zu sein.

Jetzt sind die Wahlen vorbei, Kretschmann hat haushoch gewonnen, und im wirklich unabhängigen Umweltruf ist zu lesen:

Inzwischen hat die französische Aufsichtsbehörde dazu Stellung genommen. Weder handelt es sich um einen Unfall, noch ist irgendetwas vertuscht worden. Die Betriebsmannschaft hat bei einem betrieblichen Zwischenfall der Ines-Stufe 1 am 9. April 2014 alles richtig gemacht und den Reaktorblock 1 im Rahmen der normalen Betriebsvorschriften heruntergefahren. Eine Gefahr für Mensch und Umwelt bestand zu keinem Zeitpunkt.

Die Autorité de sûreté nucléaire (ASN) hält zu den Vorwürfen fest:
•Der Zwischenfall ist von der Betreiberin Electricité de France (EDF) sofort der Aufsichtsbehörde gemeldet worden. Am Tag nach dem Zwischenfall hat die ASN vor Ort eine Inspektion durchgeführt.

•Am 17. und 24. April 2014 hat die Behörde ihre Erkenntnisse auf dem Internet aufgeschaltet.

•Im Juni und September 2014 ist die lokale Aufsichtskommission der umliegenden Gemeindebehörden über den Vorfall informiert worden. Im Mai und September 2014 wurde der Vorfall in der Deutsch-französischen Kommission zur Reaktorsicherheit (DFK) vorgelegt; im September 2014 wurde auch die Gemischte Kommission Frankreich-Schweiz für die nukleare Sicherheit und den Strahlenschutz (CFS) informiert.

Was ist passiert?

Am Nachmittag des 9. April 2014 ist im Block 1 ein Kühlwassertank in der Turbinenhalle übergelaufen. Das dafür vorgesehene Ablaufrohr war jedoch am unteren Ende durch Schmutz verstopft, sodass sich das Wasser seinen Weg durch das Betriebsgebäude suchte, in die Schaltschränke des A-Strangs des automatischen Reaktorschutzsystems drang und dieses ausser Betrieb setzte. Zudem fielen Anzeigen zur Lage der Steuerstäbe im Reaktor aus. Die Operateure fuhren den Reaktor daraufhin langsam unter Zugabe von Bor herunter. Da gleichzeitig im Stromnetz die Nachfrage nach Leistung stieg, unterschritt die Kühlmitteltemperatur im Primärkreislauf den für diese Situation vorgesehenen Temperaturwert von 286°C während 14 Minuten um 4°C. Wäre die Temperatur deutlich unterschritten worden, hätte das eine automatische Schnellabschaltung über den Strang B ausgelöst. Wäre auch Strang B nicht zur Verfügung gestanden, hätte eine Schnellabschaltung immer noch manuell ausgelöst werden können.

Die ASN hält zur sicherheitstechnischen Bedeutung dieses Vorfalls fest:

•Das Reaktorschutzsystem ist doppelt ausgelegt. Der B-Strang hätte jederzeit für eine allfällige Schnellabschaltung zur Verfügung gestanden.

•Eine Schnellabschaltung war zur Beherrschung des Vorfalls nicht nötig.

•Das langsame Herunterfahren mit Bor ist zwar wenig üblich, aber sie ist im Rahmen der normalen Betriebsprozeduren zulässig.

•Für Mensch und Umwelt hat zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr bestanden. Da jedoch das Schutzniveau des Reaktors durch den Ausfall des Strangs A reduziert war, hat die ASN den Vorfall auf der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (Ines) auf der Stufe 1 klassiert.

Die schweizerische Kernenergieverordnung definiert die Stufe 1 wie folgt: «Anomalie ausserhalb der vorgeschriebenen Betriebsbedingungen. Sie kann auf Versagen von Ausrüstungen, menschliche Fehlhandlungen oder Verfahrensmängel zurückzuführen sein. Ereignis oder Befund ohne direkte Sicherheitsbedeutung, aber mit bedeutenden Unzulänglichkeiten in der Organisation oder in der Sicherheitskultur.»

In der Folge hat die EDF analysiert, warum das Wasser ins Betriebsgebäude einsickern konnte und entsprechende Gegenmassnahmen getroffen. Im Laufe des Jahrs 2014 hat die EDF das in Fessenheim aufgetretene Problem interner Überschwemmungen in allen ihren Kernkraftwerken überprüft. Wo angezeigt, wurden Sanierungen durchgeführt.

Die ASN kommt zu folgender Gesamtwertung: „Beim Vorfall vom 9. April 2014 hat sich der Reaktor jederzeit innerhalb des Anwendungsbereichs der Regeln für den Normalbetrieb befunden. Zu keinem Zeitpunkt war das Auslösen von Prozeduren bei Unfällen nötig, und es wurde kein einziges der Systeme für den Reaktorschutz aktiviert, obschon alle verfügbar waren.“

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