Korruption in Medien – ein Tabu

Die Medienbranche, besonders der Berufsstand der Journalisten, dürfte zu den intransparentesten Märkten des Landes zählen. Obwohl Millionen Menschen täglich mit ihren Produkten konfrontiert werden, gibt es keinerlei externe Qualitätskontrolle, keine Transparenz der Produktionsabläufe oder gar Rechenschaft über Zusammensetzung und Herstellung der Endprodukte. Und natürlich gab es bisher auch keine valide Untersuchung über ein echtes Tabuthema: Korruption im Journalismus. Dabei liegt die Frage, der das Anti-Korruptionsnetzwerk „Transparency International“ jetzt nachging, doch nahe: Wenn in fast jeder anderen Branche Korruption ein Problem darstellt – warum dann nicht auch in den Medien?

Die jetzt veröffentlichte Studie „Korruption im Journalismus“ beruht auf der Befragung von 386 Journalisten in Deutschland. Interessant ist, wie diese Medienleute die Anfälligkeit ihrer eigenen Branche bewerten: So meinen 86 Prozent, Medien im Bereich Beauty/Kosmetik seien korruptionsanfällig, von Technik-Medien meinen dies rund 43 Prozent und von Politik-Medien immerhin rund 25 Prozent. Hier liegt schon eine Sensation verborgen: Jeder vierte Journalist hält die Politik-Berichterstattung in Deutschland für korruptionsanfällig.

Dabei kann Korruption im Journalismus sehr verschiedene Formen haben: Das können Reisen oder Geschenke sein, um Berichterstattung zu steuern. Oder eben Nähe, Kontakte, Informationszugänge – letzteres ist die Währung, mit der Journalisten im politisch-medialen Komplex bei Laune gehalten werden. Dazu schreibt Dennis Deuermeier in einem Beitrag, der der Studie beigegeben ist:

„Wer zu nah dran ist, gerät in die Gefahr einer Abhängigkeit und gefährdet so seine Objektivität gegenüber Personen und Themen. Ist der Journalist jedoch zu weit weg, wird er nur schwer Neuigkeiten liefern können. Dies gilt besonders für den Politikjournalismus, wo der Zugang zu exklusiven Informationen die wichtigste Währung im Berufsalltag ist. Pierre Bourdieu hat hierfür den Begriff des Sozialkapitals geprägt. „Das angehäufte Sozialkapital der Journalisten in Form von exklusivem Zugang zu hochrangigen Quellen kann so potenziell zu Nebenwirkungen in Form von Schweigespiraleffekten führen.“ Ein langjähriger persönlicher Kontakt zu Informationsgebern birgt demnach das Risiko eines Zurückhaltens von negativer Berichterstattung. Je näher man mit jemandem zusammen ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man die berühmte Schere im Kopf klappern lässt.

Die Wahrnehmung der journalistischen Kollegen wird übrigens gestützt von den eigenen Erlebnissen, die in der Umfrage dokumentiert sind. So haben 26 Prozent der Printjournalisten bereits Erfahrungen mit versuchter Bestechung durch Informationen, Kontakte und Nähe gehabt. Auch Journalisten im Online-Bereich (16,4 Prozent) und im Fernsehen (10,2 Prozent) berichten davon. Sogar versuchte Erpressung und massive Drohungen gehören für 35,1 Prozent der Print-, für 24,6 Prozent der Online- und für 14,8 Prozent der TV-Journalisten zu konkreten Berufserfahrungen.

Das wachsende Heer der „spin-Doktoren“, Pressesprecher und Meinungsflüsterer, die für Interessensgruppen, Verbände, Parteien, Ministerien, NGOs und Unternehmen unterwegs sind, um die veröffentlichte Meinung in ihrem Sinne zu modellieren, trifft dabei auf immer schwächere journalistische Strukturen mit immer weniger Personal. Klaus Kocks, das „enfant terrible“ der deutschen PR-Szene, schreibt in dem Studienband ganz offen, wo das breiteste Einfallstor für korrumpierte Information liegt: bei den investigativen Redaktionen:

„Für den überwiegenden Teil der Medien gilt heute die Währung der Empörungskommunikation: „outrage“ ist der Maßstab des Erfolges. Damit geraten die Redaktionen unter den spezifischen Druck, möglichst skandalöse Geschichten zu finden. Für die sogenannten „investigativen“ Redaktionen gilt das a forteriori. Dieses Prinzip der „shit storms“ war früher dem Boulevard eigen, hat sich aber universalisiert. Zeitgleich dünnen die Verleger die redaktionellen Kapazitäten aus und externalisieren Redaktionskosten auf dritte Anbieter, sprich die PR. Und auch das gilt nicht so sehr für den Reise- und Motorteil, sondern für die Wirtschaftspresse. Das Haupteinfallstor für PR ist heute die investigative Redaktion. Wem das als Widerspruch erscheint, der hat Gelegenheit, sich von einer vorkritischen Naivität zu verabschieden. Das alte Journalisten-Motto, nachdem man Pepsi anruft, wenn man eine Story über Coca prüfen will, gilt noch, aber jetzt neu: Pepsi ruft von selbst an oder Red Bull. Das mag jenseits des Sprichwörtlichen bei Limonade (noch) nicht gelten, bei vielen anderen Themen gilt es.“

Darauf, dass diese Studie in den Medien breit rezipiert und kritisch debattiert wird, braucht man ganz sicher keine Wette abzuschließen.

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