Leitmedien sind leidende Medien

Sebastian Turner ist ein Vorturner des politisch-medialen Komplexes, sozusagen eine der Schlüsselfiguren. Schon früh empfahl er sich dem System mit der von ihm verantworteten Zeitschrift „Medium Magazin“. Dort erschien ein Autorenporträt über den englischen Schriftsteller George Orwell, in dem die beiden wichtigsten Werke des bekennenden Antikommunisten Orwell, „1984“ und „Animal Farm“, ganz einfach ausgespart wurden. Es war eine Frühform von Lügenpresse: Was nicht passt, wird weggelassen.

Turners Karriere hat dies trotz des erwiesenermaßen mäßigen Verstandes nicht geschadet. Als geschickter Blender verdiente er Geld bei Werbeagenturen. Der Versuch, in die Politik zu wechseln, ging schief: Turner verlor bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart 2012 ausgerechnet gegen die grüne Flasche Fritz Kuhn.

Um den wirklichen Wichtigen in Deutschland näher zu kommen, kaufte sich der kürzlich 50 Jahre alt gewordene Turner 2014 beim Berliner Qualitätsblatt „Tagesspiegel“ ein. Schon kurze Zeit später ging die Zeitung Lesern mit der Behauptung auf die Nerven, sie sei das Leitmedium für „Politik-Entscheider“ – eine nicht näher definierte Gruppe, die wahrscheinlich von Königin Angela bis zu Sebastian Turner reicht. Ins Gerede kam Turner, als bekannt wurde, dass Lobbyisten Redezeit bei Fachveranstaltungen des Tagesspiegel kaufen konnten. Die Süddeutsche Zeitung berichtete außerdem 2010 über Unregelmäßigkeiten bei einer Großausschreibung des Bundespresseamtes für Regierungspropaganda. Den Auftrag bekam eine Agentur, an der Turner beteiligt war.

Warum er Anteile am Tagesspiegel kaufte, weiß man nicht. Sicher wollte Turner Einfluss in Berlin, aber es war ihm nicht klar, dass er mit dem Tagesspiegel ein totes Pferd reitet. Auf Kritik, die Verlage hätten die Zeichen der Zeit verschlafen, reagiert er gereizt und setzt weiter aufs tote Pferd: „Wie hat sich die Reichweite von den gedruckten Leitmedien in den letzten 20 Jahren entwickelt? Sie ist stabil bei 14 Prozent.“

Die Bemerkung ist ein klassischer „Vor-Turner“ auf brüchigem Eis. Turner definiert nicht, was Reichweite ist, er definiert nicht, was Leitmeiden sind („die Spitze der Lesemedien“ ist keine Definition), er definiert nicht, was die Basiszahl von 14 Prozent ist. Eine klassische Turner-Luftnummer mit der Überzeugungskraft von Margarine-Werbung.

Turner wird aber noch besser: „Wenn man die Onlinereichweite addiert, ergibt sich eine Reichweitenexplosion der Leitmedien in den letzten zwei Dekaden. Gedruckt und digital erreichen die Leitmedien heute ein Viertel der Bevölkerung. Im Ozean der Kommunikation retten sich die Menschen auf die Inseln der Qualität.“ Also: Onlinereichweite wird da mal so in den Raum geworfen, man weiß nicht, wer und was bis wohin reicht. Daraus wird eine Reichweitenexplosion kreiert. Das Viertel der Bevölkerung ist ein völlig ungeeigneter Bezug: Kinder können in den ersten Jahren nicht lesen, die vielen Zugereisten oft auch nicht. Viele Menschen halten Turners „Inseln der Qualität“ für die Heimat der Sirenen und verzichten auf Zeitungslektüre.

Wir haben mal nachgeschaut, wie es tatsächlich um den Tagesspiegel steht. Es sieht, wie nicht anders zu erwarten, gar nicht gut aus. Die Zahl der Abonnenten sank nach Angaben der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) vom ersten Quartal 2001 von 105.398 auf 83.404 im ersten Quartal 2016. Das ist ein Minus von 20,87 Prozent. Der Einzelverkauf ging in diesem Zeitraum von 29.706 auf 11.272 (minus 62,05 Prozent) zurück. Das ist keine Reichweitenexplosion, sondern eine Reichweitenimplosion.

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