Die Medienethik der Zensoren

Die Vorstellung, mit dem Begriff „Lügenpresse“ erfasse man das ganze Ausmaß medialer Manipulation in Deutschland, ist naiv. Denn natürlich „lügt“ der politisch-mediale Komplex nicht – er arrangiert nur die Wirklichkeit. Und zwar so, dass es passt.

Ein allerdings frappierendes Beispiel für die Arbeitsweise des aktuellen „Wahrheitsministeriums“ liefert jetzt die ARD. Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld berichtet auf ihrem Blog davon. Sie dokumentiert das Schreiben der ARD an einen irritierten Zuschauer, der nachgefragt hatte, warum die Räumung eines ganzen Einkaufszentrums, das von einem „ich spreng euch alle in die Luft“ brüllenden Algerier attackiert und dann geräumt wurde, keinen Weg in die „Tagesschau“ fand. Die Antwort des ARD Publikumsservice muss hier im Wortlaut dokumentiert werden:

„Die zurückliegenden Wochen mit zahlreichen Schreckensnachrichten haben in unserer Redaktion einen Diskussionsprozess in Gang gesetzt, in dessen Verlauf wir uns einmal mehr intensiv mit unserer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft auseinandergesetzt haben. Wir sind dabei zu dem Schluss gekommen, uns eine gewisse freiwillige Zurückhaltung aufzuerlegen, was die Berichterstattung über Bluttaten angeht. Das hat zwei Gründe. Zum einen ist es erwiesen, dass Amok- und sonstige Bluttaten Nachahmer animieren. Die Ereignisse der vergangenen Wochen dürften diese These mit erschreckender Deutlichkeit belegt haben. Zum anderen aber entsteht bei der Bevölkerung durch die Berichterstattung über Bluttaten ein überproportionales Gefühl der Unsicherheit und Angst. Zwar steigt die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terrorangriffs oder einer Amoktat zu werden, in keiner Weise an; das subjektive Sicherheitsempfinden der Menschen aber wird empfindlich gestört.

Uns ist bewusst, dass nun der Vorwurf erhoben wird, wir verschwiegen mutwillig Tatsachen. Es sei Ihnen jedoch versichert, dass wir dies wenn, dann ausschließlich aus medienethischen Gründen und aus einem Verantwortungsgefühl der Gesellschaft gegenüber tun.“

Dieses Dokument ist aus gleich mehreren Gründen ein medienpolitisches Großereignis: Zum einen erklärt hier eine große ARD-Sendeanstalt, dass sie Nachrichten nicht nach den klassischen Kriterien (Relevanz, Aktualität, Zahl der Betroffenen etc.), sondern nach dem übergeordneten Kriterium der „Verantwortung gegenüber der Gesellschaft“ auswählt. Da steht nicht einmal „Gebührenzahler“, sondern „Gesellschaft“. Diese aber ist ein linkes Konstrukt und existiert als solche nicht. Sehr wohl aber existieren gesellschaftliche Strömungen, Stimmungen und Debatten – fast alle beherrscht von Regierungseliten und Diskurs-Kapitänen der Leitmedien. Diesen unterwirft sich das Nachrichtenflaggschiff der ARD erklärtermaßen.

Zudem darf der Bürger (hier natürlich „Bevölkerung“ genannt) nicht in seinem „subjektiven Sicherheitsempfinden gestört“ werden. Der gleiche Sender, der angesichts eines 9.000 Kilometer entfernten absaufenden Kernkraftwerks hierzulande quasi den Atomtod ausgerufen hat, will nun nicht beunruhigen. Denn, merke: Ruhe, lieber Einwohner, ist deine erste Pflicht, Und Medien, die diese stören könnten, darf es nicht geben.

Wir freuen uns schon auf die künftigen ARD-Berichterstattungen über Kriege in Osteuropa, ISIS-Lastwagen in Menschenmengen am Mittelmeer, Schadstoffen im Essen oder Vergewaltigungsorgien in Großstädten – allesamt Dinge, die den meisten Zuschauern wohl kaum selbst widerfahren werden, von denen sie aber wie wir heute gelernt haben, erst garnichts erfahren dürfen. Aus „Verantwortungsgefühl der Gesellschaft gegenüber“. Oder, wie einst vor 1989 in Teilen Deutschlands: Die unmündigen Bürger sollen mittels einseitiger Informationen, propagandistischer Darstellungen und Kommentierungen geschichtlicher als auch aktueller Ereignisse zu überzeugten “sozialistischen Persönlichkeiten” erzogen werden.

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