Der mediale Gutmenschenrausch

„Kommt der Journalismus beim Thema Flüchtlingspolitik seiner demokratischen Aufgabe nach?“ Diese Frage stellte Autor Dietmar Jazbinsek in einem Bericht über die Jahrestagung des „Netzwerks Recherche“ Anfang Juli 2016. Das Netzwerk Recherche versteht sich als Crème de la Crème des deutschen Qualitätsjournalismus, sozusagen dessen Avantgarde. Der investigative Journalismus soll von dem Verein hochgehalten werden. Das Ergebnis der Tagung ist ein anderes: Um Recherche geht es bei den 700 Mitgliedern des Netzwerks gar nicht, sondern mehr darum, dass alle einer Meinung sind und dass der deutsche Qualitätsjournalismus einer strengen Homogenitätskontrolle unterworfen wird.

Deutlich wird dies an einer Auswertung der Hamburg Media School von 34.000 Presseberichten aus den Jahren 2009 bis 2015 auf ihre Aussagetendenz zum Flüchtlingsthema. Der Projektleiter Michael Haller berichtete: 82 Prozent der Berichte vermittelten ein positives Bild von der „Willkommenskultur“, zwölf Prozent fielen neutral aus, und nur sechs Prozent der Artikel übten Kritik. Für das Jahr 2015 konstatiert das Hamburger Forscherteam eine abrupte Änderung der Tonlage: Bis zum August wurde die „Pro-Euphorie“ in der Presse als gesellschaftlicher Konsens ausgegeben, nach Angela Merkels einsamer Entscheidung für eine Grenzöffnung nahm der Dissens über die unkontrollierte Zuwanderung mehr und mehr Raum ein. Doch auch in dieser Phase kam der Journalismus seiner demokratischen Aufgabe, Distanz gegenüber den Regierenden zu wahren, nicht nach, sondern stellte sich in den Dienst der regierungsamtlichen Flüchtlingspolitik. Die Kritiker wurden nun nicht mehr marginalisiert, sondern als „rechtsnational affiziert“ verunglimpft, so Haller.

Jazbinsek berichtet: „Es gibt viele Gründe, Merkels Dekret ,Wir schaffen das‘ in Zweifel zu ziehen, und es gibt einige wenige Journalisten, die diesen Gegenargumenten seit Beginn der Flüchtlingskrise öffentlich Gehör verschaffen – Roland Tichy zum Beispiel, oder Harald Martenstein im Tagesspiegel, Frank A. Meyer im Cicero und Dirk Schümer in der Welt. Doch von den Kritikern der Willkommenskultur ist allem Anschein nach niemand zu Deutschlands wichtigstem Medienkongress eingeladen worden… Auf den Podien der diesjährigen Jahrestagung (vom Netzwerk Recherche), die ganz im Zeichen der Flüchtlingskrise stand, waren die Befürworter der Merkel-Politik weitgehend unter sich. So gab es in den langen Debatten über die Vertrauenskrise nach der Kölner Silvesternacht nur wenige Redebeiträge, in denen der mediale „Gutmenschenrausch“ (Haller) in Zweifel gezogen wurde.

In einem dieser Ausnahme-Momente setzte Giovanni di Lorenzo, der Chefredakteur der Zeit, zur Blattkritik an: ,Als ich im Urlaub die Schlagzeile der Titelgeschichte der Zeit las – ‚Willkommen!‘ – und dann den Leitartikel dazu – ‚Jeder Flüchtling ist eine Bereicherung‘ – da hätte ich am liebsten den Urlaub abgebrochen, weil ich glaube: Das schlägt auf uns zurück, das ist zu viel.‘ Die Journalisten hätten sich in einem extremen Maße zu Akteuren und Missionaren gemacht, statt sich auf die Rolle des Beobachters zu beschränken, so di Lorenzo weiter.“

Das sagt übrigens derselbe di Lorenzo, der an anderer Stelle erklärte, „ich möchte in keinem anderen Land Nutzer von Medien sein als in Deutschland. Wir haben im Moment die besten Medien der Welt.“ Der Typ redet wirklich jedem nach dem Mund und hofft, dass die Leute das nicht merken. Wer noch mehr Blödsinn von Deutschlands führenden Qualitätsjournalisten lesen will, kann den Link betätigen. Und stößt dann etwa auf Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, der keinen Vertrauensverlust in seiner Leserschaft erkennen kann. Brinkbäumer kennt offenbar seine eigenen Auflagenzahlen nicht. Sie befinden sich im freien Fall.

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