Hippie State: Szenen des Niedergangs

Vor einiger Zeit hatte Roland Tichy, dessen Blog einer der besten in Deutschland ist, bemerkenswerte Sätze zu geplanten Fusionen deutscher Konzerne mit angloamerikanischen Konzernen geschrieben. Damals waren erst zwei Fusionspläne bekannt: Bayer und Monsanto (jetzt so gut wie vollzogen) sowie die Deutsche Börse und die Londoner Börse. Während Lügenpresse fleißig dichtete, die deutschen Konzerne würden nach den ausländischen Firmen greifen, empfahl Tichy, etwas genauer hinzublicken. Er kam zum Ergebnis, dass in Wirklichkeit die ausländische Konkurrenz die Hand nach den deutschen Unternehmen ausstrecke und sie schlucken wolle.

Da lag Tichy richtig, denn es ist ja kein Geheimnis (außer vielleicht für Volksvertreter und Lügenpresse), dass die großen börsennotierten deutschen Unternehmen längst in der Hand angloamerikanischer Investoren sind und die deutschen Arbeitnehmer für die Gewinne überwiegend ausländischer Finanzhaie (die kassieren nämlich die Dividenden) schuften. Es war die rot-grüne Finanzmarktliberalisierung, die zum Zerfall der sogenannten „Deutschland AG“ mit ihren gegenseitigen Beteiligungen führte, die jahrzehntelang unseren Wohlstand sicherte. Dafür holte man sich amerikanische Heuschrecken ins Haus. Der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering war einer der wenigen, die die Tragweite erkannten, dass nämlich Deutschland industriell ausgeblutet werden würde. Seine Warnungen wurden nur müde belächelt.

Hinzu kommt: Schon lange fühlt sich die Industrie hier nicht mehr wohl. Obwohl sie für Wohlstand sorgt, verhindern grüne Oberlehrer fast jede Investition. Erinnert sei nur an den seit zwei Jahrzehnten geplanten Bau einer Kohlenmonoxid-Leitung von Dormagen zum Bayer-Sitz in Leverkusen. Die Leitung konnte bis heute nicht realisiert werden. Die Transporte erfolgen mit Lastwagen, die ständig im Stau stehen, da die Sperrung der maroden Rheinbrücke bei Leverkusen für Lkw für ein riesiges Dauer-Verkehrschaos in dem Gebiet sorgt – Wildwest-Zustände inclusive. Vor der maroden Leverkusener Brücke schließen sich Lkw-Fahrer zu engen Konvois zusammen: Der erste verklebt sein Nummernschild vorne, der letzte hinten. So durchbrechen sie die Blitzerkontrollen. Das sind Szenen aus einem untergehenden Land.

Bestätigung findet die Tichy-These in einer dritten – allerdings vor kurzem erst einmal gestoppten – Fusion: Die Linde AG, ein Hersteller von Industriegasen mit Sitz in München, wollte den amerikanischen Konkurrenten Praxair schlucken und damit den französischen Konzern Air Liquide von der Weltmarktspitze verdrängen, wurde berichtet. Nur gilt auch in diesem Fall, dass die Amerikaner die Bayern schlucken wollten und nicht umgekehrt, wie es Lügenpresse suggeriert. Die Amerikaner machen im Vergleich zu Linde zwar nur den halben Umsatz mit der Hälfte des Personals, aber erheblich mehr Gewinn und sind an der Börse mehr wert als die deutsche Linde AG. Die Linde-Vertreter würden bei den Fusionsverhandlungen keineswegs die Hauptrolle spielen, gab die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 18. August 2016 ihrer Leserschaft einen Hinweis, wer bei der Fusion Koch und wer Kellner ist. Ein weiterer Beweis: Die Amerikaner bestanden auf der Auflösung der Linde-Zentrale in München. Entscheidungen sollten nur noch in USA getroffen werden.

Besonders schwerwiegend ist der von Lügenpresse aber nur am Rande thematisierte Fall „Kuka“. Der Augsburger Roboterbauer „Kuka“ ist die Herzkammer der deutschen Automobilwirtschaft und des Anlagenbaus. Kuka-Roboter sind in fast allen deutschen Fabriken im Einsatz (natürlich nicht in den Berliner Fahrradwerkstätten). Der Konzern ist eine Perle der deutschen Industrie, konnte aber problemlos von einem chinesischen Gemischtwarenladen namens Midea (hinter dem Strohmänner stecken dürften) übernommen werden. Kein Politiker setzte sich für den Schutz deutscher Ingenieurskunst ein, niemand interessierte sich für den Schutz der wertvollen Patente. Man gab sich mit chinesischen Zusicherungen, die Arbeitsplätze würden vorerst erhalten bleiben, zufrieden. Die Käufer aus Asien können jetzt in aller Ruhe darangehen, die Augsburger Roboterbauer auszuplündern, damit die chinesischen Maschinen- und Autobauer endlich auf deutsches Niveau kommen und mit ihrem Siegeszug auf dem Weltmarkt beginnen können.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), der sich für 17.000 Verkäuferinnen und Gabelstaplerfahrer von Kaiser‘s mächtig ins Zeug gelegt hatte und sie sogar möglicherweise mit nicht ganz lauteren Methoden vor dem Zugriff von Edeka schützen wollte, unternahm im Fall Kuka – nichts. Er lehnte es sogar ab, ein Untersagungsverfahren nach dem Außenwirtschaftsgesetz gegen die Übernahme von Kuka durch Midea einzuleiten. Es ist ihm völlig egal, wenn das Wissen von Generationen von Ingenieuren von den Asiaten abgesaugt wird, die dafür nur ein paar Silberlinge an die bisherigen Aktionäre zahlen mussten.

Die Kaiser‘s-Mitarbeiter hätten wieder Jobs gefunden – die Biomarktketten boomen und brauchen Personal – von diesem Trend ahnt der sich so schwer für die Verkäuferinnen ins Zeug legende dicke Siggi nicht einmal was. Aber wenn Automobilindustrie und Maschinenbau ins Stottern geraten, ist die gesamte deutsche Wirtschaft in Gefahr. Die Tragweite der Kuka-Übernahme hat Gabriel, der überforderte Studienrat auf dem Stuhl von Ludwig Erhard, nicht im Ansatz begriffen. Hermann Josef Abs, der Chef der Deutschen Bank war, als diese ihren Namen noch verdiente und noch keine Zockerbude war, hätte Kuka kurzerhand mit höherem Gebot übernommen. Seine Nachfolger haben höchstens ein paar Derivate zur Kuka-Aktie aufgelegt, um an den letzten großen Kursbewegungen noch mitzuverdienen.

Halt, wir brauchen doch nicht mehr so viel Auto- und Maschinenbau, sondern haben doch StartUps und FinTechs, werden die Grünen jetzt einwenden. Mag sein. Aber auch die App-Konstrukteure, die in Berliner Souterrains wie die Hühner im Käfig eingepfercht sind oder in notdürftig sanierten alten Industriehallen sitzen und an Apps basteln, mit denen man sich per Fahrradkurier veganes Essen liefern lassen kann, sind längst nicht mehr führend, wenn sie es überhaupt jemals gewesen sein sollten. In anderen Ländern ist die Kreativ-Szene besser. In einem weltweiten Startup-Ranking liegt Berlin hinter Silicon Valley, New York, Los Angelas, Boston, Tel Aviv, London, Chicago, und Seatle auf dem neunten Platz.

Zur Zeit geben viele deutsche Spiele-Entwickler auf, weil sie technisch nicht mehr mithalten können. Hauptgrund: Das Internet ist zu langsam. Deutschland ist keine führende Wirtschaftsmacht mehr, sondern ein Hippie State mit verrottender Infrastruktur.

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