Wie die Wahrheit produziert wird

Um zu verstehen, was bezüglich der US-Wahlen in den Redaktionen Deutschlands gerade abläuft, lohnt es sich, gut acht Jahre zurückzublicken. Damals, am 24. Juli 2008, versank die gesamte deutsche Medienlandschaft in Anbetung für den damaligen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama. Dieser besuchte Berlin, sprach an der Siegessäule – und wurde – soviel Distanzlosigkeit musste dann schon sein – von einem komplett durchdrehenden Claus Kleber im ZDF prompt zum „Präsidenten der Vereinigten Staaten“ ausgerufen. Was auf den ersten Blick als Freud’sche Fehlleistung durchgehen mochte, offenbarte in Wahrheit schon damals das Kernproblem deutscher Medien: Sie verfolgen eine eigene Agenda, eine eigene Wahrheit und konstruieren sich ihre eigene Wirklichkeit. So trugen sie Obama ins Amt, verschonten ihn über acht Jahre hinweg mit allzu kritischen Nachfragen, Berichten oder Reportagen und sorgen bis heute dafür, dass die aktuelle Präsidentschaftswahl für die deutschen Zuschauer und Leser quasi im luftleeren Raum stattgefunden haben dürfte. Denn mit acht Jahren Obama hatte das Wahlergebnis auf jeden Fall ganz offenbar nichts zu tun – so die arrangierte „Wahrheit“ deutscher Journalisten.

Denn wenn sie davon lassen müssten, müssten sie berichten, dass Millionen Menschen in den USA es satt haben, die Gender-, Klima- und Migrations-Fahrpläne einer ebenso verantwortlungslosen wie geldgierigen Elite zu bedienen. Die gerne wieder ihr Land und nicht anonyme UN-Gremien in Verantwortung sähen. Die gerne wissen würden, wo und warum ihre Soldaten auf internationalen Schauplätzen für was kämpfen müssen. All dies möge den Deutschen doch bitte als Debatte erspart bleiben, dekretiert es schmallippig aus Talkshows, Redaktionskonferenzen und Mediendiskursen, wo überall an der Themen-Firewall gebastelt wird. Trumps Sieg hat diese eingerissen.

Um doch noch zu retten, was zu retten ist, muss die schon vor den Wahlen herbeifantasierte „Wahrheit“ auch nach dem Erdrutschsieg medial weiter inszeniert werden. Das ist die „Wahrheit!“, dass Trump offenbar alle Fernsehduelle „verloren“ und Clinton sie alle „gewonnen“ habe. Deshalb sendet der „Deutschlandfunk“ eine absurde Frontreportage aus Washington – bekommt es aber zugleich nicht hin, auch nur einen qualifizierten O-Ton aus dem Umfeld oder Team des neu gewählten Präsidenten zu liefern. ZEIT online präsentiert ganz ernsthaft eine Gebrauchsanweisung, wie man solche Wahlergebnisse und Terroranschläge seelisch bewältigt. Und der SPIEGEL macht Trump auf dem Titel zum weltenfressenden Feuerball. Ja, so muss sie aussehen, die Realität in Hamburg.

Denn in diesen Tagen wird vielen Journalisten, spricht man unter vier Augen mit ihnen, etwas ganz Grundsätzliches klar: sie haben keine Macht mehr über die Menschen. Weder bilden ihre „Fernsehduelle“ die Realitäten ab, noch haben ihre eilfertig herbeigelogenen „Spielberichte“ Einfluss auf das Wahlverhalten. Ihre angeblich so wichtigen „Agenden“ jucken die Wähler nicht, sie verfolgen längst eigene. Ihre Denk- und Sprechverbote werden durchbrochen, ihre Ausgrenzungen von unangenehmen Playern funktionieren nicht mehr: wenn der wohl meistausgegrenzte Mensch der westlichen Hemisphäre auch noch US-Präsident werden kann, dann ist das das Armageddon der Meinungsführer. Ihre Interpretationen sind längst randständig, ihr Gekeife nicht mehr relevant. Mit zunehmendem Relevanzverlust steigert sich die Wut auf die Menschen, die ihnen nicht mehr folgen. So resümiert der „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer verbittert: „Sechzig Millionen Amerikaner waren also dumm.“

Zugleich wird der Schulterschluss des politisch-medialen Komplexes enger. Frank-Walter Steinmeier, der als Außenminister einen demokratisch nominierten Kandidaten Trump öffentlich als „Hassprediger“ beschimpfte und ihn damit auf die Stufe islamistischer, zu Mord aufrufender Imame beförderte, gab in einem FAZ-Interview eine erschütternde Denkrichtung vor: „Wir müssen in unsere Urteilskraft investieren, in jene Institutionen und Systeme, die in unseren Gesellschaften Wahrheit produzieren: Schulen, Wissenschaft, Justiz, aber auch die Medien.“ Ja, so ist das, im Jahr 2016: Die „Wahrheit“ wird „produziert“ und die Produktionsmittel werden regierungsseitig verwaltet. Alle machen mit, wer ausschert, sagt die „Unwahrheit“.

Deshalb ist Steinmeier das passende Staatsoberhaupt für dieses Land.

Echt wahr.

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