Der Ball der toten Journalisten

Nobel geht die Welt zugrunde. Nie war diese Volksweisheit richtiger als am 25. November des Jahres 2016, als in Berlins Nobelhotel Adlon die sogenannte Hauptstadtpresse zum Tänzchen bat. Es war wieder Bundespresseball, der 65. übrigens. Und es wird einer der letzten gewesen sein, denn eine Zukunft haben die über Bundespolitik berichtenden Korrespondenten im System Merkel nicht: Ihnen bleibt nur Arbeitslosigkeit oder, wenn sie alt genug sind, die Rente. Gefragt sind heute keine wertungsfähigen und streitbaren Journalisten mehr, sondern anpassungsfähige mediokre Gestalten, mit Zeitvertrag in einem „Newsroom“ sitzend, wo sie in unterwürfiger Haltung die Ergüsse des Regierungsprechers oder von Parteisprechern in sogenannte „Hülsen“ ihrer Redaktionssysteme abfüllen. Geht mal was schief, werden diese Typen sofort entlassen und durch noch willfährigere Hofschranzen ersetzt. Diese Menschen tanzen nicht mehr, sie leben kaum noch. Eigentlich sind sie schon tot, sie wissen es bloß noch nicht.

Die jüngsten prämortalen Entwicklungen: Der Spiegel muss 35 Leute entlassen. Berliner Zeitung und Berliner Kurier fusionieren. Im neuen „Newsroom“ ist leider nicht mehr genug Platz. Wer sich an die neue Newsroom-Firma am billigsten verkauft, darf rein. In Bayern kauft die Passauer Neue Presse den Donaukurier. Die Tage des eigenständigen Donaukurier dürften damit gezählt sein und die Redaktion vor der Auflösung stehen. Die „Sächsische Zeitung“ schließt ihr Berliner Büro. Allen gemeinsam sind ständig fallende Auflagen.

So wohnte der Eröffnung des Balls durch den Bundespräsidenten Joachim Gauck nichts Anmutiges oder Außergewöhnliches mehr inne. Der Bundespfaffe, der Teile des deutschen Volkes als „Pack“ zu bezeichnen pflegt, tanzte zunächst mit Sonja Mayntz, der Frau des Vorsitzenden der Bundespressekonferenz, Gregor Mayntz (Rheinische Post). Der wiederum hatte die Konkubine des Präsidenten, Daniela Schadt, im Arm.

Die Gästeliste war sorgfältig zusammengestellt worden, Politiker der „Alternative für Deutschland“ wurden erst gar nicht eingeladen. Die sollten sich nicht ärgern, sondern erleichtert sein, den Ball der toten Journalisten nicht miterlebt haben zu müssen.

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