Lügenpresse im Turbo-Rückwärtsgang: Absturz der Regionalblätter

Die Deutschen mögen Lügenpresse nicht mehr sehen. Die jüngsten Auflagenzahlen, vorgelegt von der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW), übertreffen unsere kühnsten Erwartungen und Hoffnungen. Auf dem einst hart umkämpften Berliner Zeitungsmarkt werden die Blätter jetzt regelrecht abgeschlachtet. Kioskbesitzer, Einzelhändler und Gastwirte werfen Zeitungen aus dem Angebot, ganze Straßenzüge sind inzwischen frei von Lügenpresse. Im Vergleich vom vierten Quartal 2015 zum vierten Quartal 2016 haben alle Berliner Zeitungen zusammen 37.068 Exemplare verloren. Sie verkaufen in der Hauptstadt noch 376.051 Zeitungen. Unsere Zahlen enthalten wie üblich nur Abonnements und Einzelverkäufe, die anderen Zahlen wie kostenlos verteilte Werbeexemplare in Hotels, Bahnhöfen, Universitäten und auf Flughäfen stellen keine Auflage dar, sondern es handelt sich dabei allenfalls um Umweltverschmutzung und Waldzerstörung.

Aufpassen muss aber auch hier. So meldet der Tagesspiegel einen leichten Zuwachs um 676 Exemplare auf eine Auflage von 94.273 Stück (plus 0,7 Prozent). Das ist deshalb interessant, weil der Tagesspiegel zum Handelsblatt gehört, das ebenfalls einen kleinen Auflagenzuwachs meldet. In beiden Fällen wird die Entwicklung auf einen Zugewinn bei den E-Papers zurückgeführt. Uns stößt dies auf, weil alle anderen Zeitungen diese überraschenden Zuwächse im Online-Bereich nicht melden. Und warum sollte gegen jeden Trend ausgerechnet der besonders links-grün-gender-versiffte Tagesspiegel Auflage machen? Und warum sollte das wirtschaftsfeindliche Handelsblatt Gewinne verzeichnen? Es drängt sich eine Frage auf: Sind die Gewinne virtueller Natur?

Denn bei den anderen Berliner Blättern gibt es nur eine Richtung: klar nach unten. So verliert Springers BZ zehn Prozent (minus 9.239) und hat noch 83.234 Exemplare. Die Berliner Zeitung steht bald vor dem Ende: Minus 15,5 Prozent auf 77.020 Stück. Auch der wie die Berliner Zeitung zu DuMont gehörende Berliner Kurier muss schwer bluten, verliert 12,2 Prozent (minus 8.567) und hat noch 61.712 Exemplare. Die Berliner Morgenpost verliert weiter (minus 8,9 Prozent). Ein Verlust um 5.854 Exemplare lässt die Auflage auf 59.812 Exemplare sinken.

Abgesehen vom Verdacht der Mogelei bei den Zahlen von Tagesspiegel/Handelsblatt lassen die Auflagenzahlen eine Schlussfolgerung zu: Das von diversen Verlagen wie DuMont verfolgte Konzept, in einem zentralen Berliner Newsroom gleiche Inhalte für regionale Zeitungen produzieren zu lassen und gleichlautende Texte in allen Blättern zu verbreiten, ist gescheitert. Die Leser flüchten in Scharen vor solchen Angeboten. Die Zentralisierung der einst soliden Regionalblätter ist nicht die Lösung, sondern die Verschärfung des Problems. Das erlebt duMont nicht nur bei seinen Berliner Blättern, sondern auch an der Heimatfront in Köln: Dort büßt der Express 10,8 Prozent Auflage ein (noch 105.468). Kölner Stadt-Anzeiger und Kölnische Rundschau verlieren 4,2 Prozent (noch 245.173). Auch die zu DuMont gehörende Hamburger Morgenpost sackt um 8,6 Prozent ab auf klägliche 51.795 Exemplare.

Die verschiedenen Nachrichtenproduktionsstätten der Verlage in Berlin-Mitte sind integraler Bestandteil der Parallelwelt des politisch-medialen Komplexes. Wer hier arbeitet und lebt, ist vielfältig, tolerant, schwul, lesbisch oder vielleicht „weiß nicht“, auf jeden Fall bunt und gegen rechts, für Angela Merkel, die EU und die Energiewende – und gegen Atomkraft/Kohle, gegen den Brexit und gegen Donald Trump und natürlich gegen Wladimir Putin. Der aus dieser Grundhaltung entstehende journalistische Einheitsbrei ist, die Zahlen zeigen es, immer schwieriger zu verkaufen. Denn was die Leser in ihren Städten und Dörfern wirklich interessiert und bewegt, wissen diese Journalisten nicht mehr. Selbst wenn man es ihnen sagen würde, würden sie es nicht verstehen, sondern beim Bundespresseamt anfragen, ob das stimmen könnte.

Die negative Erfahrung mit einem zentralen Newsroom macht auch die Funke Mediengruppe, deren Berliner Morgenpost mit der Berliner Zeitung nur noch um den wenig schmeichelhaften Ehrenplatz der ersten eingestellten Tageszeitung im Nachwende-Berlin konkurriert. Zu retten ist das Objekt nicht mehr. In Funkes Heimat, in Essen (Nordrhein-Westfalen), machen die Blätter WAZ, NRZ, Westfalenpost und Westfälische Rundschau nur noch Minus (zusammen 5,8 Prozent). Funke hat in seiner Heimat noch 534.346 Exemplare, 33.130 weniger als im Vorjahresquartal. Das zu Funke gehörende Hamburger Abendblatt verliert 4,8 Prozent (noch 162.196). Und die thüringischen Funke-Blätter verlieren zusammen 3,2 Prozent (noch 243.335 Exemplare). Wie die Funke-Mediengruppe auf ihrer Webseite zu der Einschätzung kommt, man sei auf dem Weg, das „beste nationale Medienhaus in Deutschland zu werden“, bleibt ihr Geheimnis. Die Auflagenzahlen stützen diese Behauptung jedenfalls nicht.

Ähnlich erfolglos ist das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), das von Madsack in Hannover betrieben wird. Hinter dem Konzern steckt als größter Anteilseigner die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft, also die SPD. Das Flaggschiff, die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ), verliert 3,6 Prozent (nur noch 380.023 Exemplare). Die vom RND versorgten Kieler Nachrichten verlieren sogar 4,8 Prozent (noch 81.273). Die Leipziger Volkszeitung gibt auch 4,3 Prozent ab (noch 165.398), genauso die Mitteldeutsche Zeitung in Halle (noch 177.646). Im Süden Deutschlands werden die Verluste der Zeitungsverlage geringer, aber auch hier geht es nur bergab.

Weiter so, Lügenpresse!

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