Staat und Medien Verfügungsmasse der SPD

Die Art und Weise, mit der Sigmar Gabriel und Martin Schulz zu Beginn der Woche ihre Partei und die Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt haben, ist ein erneuter, starker Beweis für die zunehmende Amalgamierung des politisch-medialen Komplexes in der Hauptstadt. Denn seit Wochen waren mit „Stern“ und „Zeit“ zwei wichtige Medien aktiv in den Scoop des SPD-Parteichefs und Vizekanzlers involviert. Sie wussten, dass Gabriel schwankte und als er sich entschied, waren sie die einzigen, denen er es sagte. Und das hatte seinen Preis: Der „Stern“, mit dessen Chefredakteur Gabriel zuletzt am Sonntag ausführlich gesprochen hatte, zog seinen Erscheinungstermin um einen Tag vor. Ja, sogar seine Druckmaschinen waren am Ende abhängig von Gabriels Zeitplan: „Die Geschichte ging in Druck, als sich Gabriel ganz sicher war und die allerletzten internen Gespräche geführt hatte“, sagt Stern-Chef Christian Krug.

Und „Zeit“-Autor Bernd Ulrich, einer der einflussreichsten links-grünen Agendasetter in Berlin, scharwenzelte in den vergangenen drei Jahren nahestmöglich um Gabriel herum. Seit 2013 versucht er, ein Buch über ihn zu schreiben. Brav sandte er ihm gar das fertige Manuskript – und wartet bis heute vergeblich auf die Freigabe. War der von Gabriel gnädig zugeteilte Scoop also eine Wiedergutmachung für einen an der fehlenden Distanz gescheiterten und nun erst recht sensationsgeilen Hauptstadtschreiber?

Eines ist auf jeden Fall deutlich: Beide Medien haben durch die Anpassung und uneingeschränkte Unterstützung der Gabriel’schen Inszenierung einen hohen Preis bezahlt: die Texte sind weitgehend affirmativ, unkritisch, liebedienerisch. Eilfertig helfen „Zeit“ und „Stern“ Gabriel bei der schwierigsten Kommunikationsaufgabe, die er dieser Tage hat: nämlich, gleich zu Beginn das richtige wording herzustellen, die mediale Lufthoheit über die Interpretation. Selbst so unglaubliche Begründungen wie jene, dass Gabriel mal eben gerne Außenminister wird, weil er mehr Zeit für die Familie brauche, rutschen im Berliner Medienzirkus nahezu unhinterfragt durch.

Die großen Verlierer des Spiels waren der „Spiegel“ und „Bild“. Ersterer, weil er mal wieder nichts mitbekam und sich statt dessen am Dienstag Abend anlässlich einer Fete anbiedernd mit prominenten Politikern auf den Sofas seines Hauptstadtbüros fläzte. Und die „Bild“, weil sie sich hatte instrumentalisieren lassen: In ihrem Politikteam pumpten die beiden Redakteure – besser: SPD-Schreiber – Rolf Kleine (war 2013 Sprecher von Peer Steinbrück) und Hans-Peter Vehlewald (war 2012/13 Kommunikationsberater des SPD-Parteivorstandes) noch am 9. Januar gnadenlos und ganzseitig die Version „Gabriel tritt gegen Merkel an“ in die Hauptstadtblase, die diese Desinformation auch brav vervielfältigte – und somit Gabriel den Rücken freihielt. Nun: Wenn die beiden wussten, was sie da taten, dürften ihre Tage bei „Bild“ gezählt sein. Wenn sie es nicht wussten, wäre zu fragen, wie eine solche fake news ins Blatt kommt. Und welche Verantwortung der meinungsstarke Journalistendarsteller und „Bild“-Politikchef Nikolaus Blome eigentlich übernehmen wird.

Das also ist die wahre Mediengesellschaft: Dort teilt der Vizekanzler seinen Rücktritt erst zwei vertrauten Journalisten zwecks detailgetreu inszenierter Veröffentlichung mit und erst drei Tage später der Bundeskanzlerin. Es zeigt sich aber auch das Verhältnis der SPD zum Staat: Er ist ihre Beute, ihre Verfügungsmasse, ihre Knete zur Gestaltung eigenen Fortkommens. Schön, wenn man als Sozi Medien hat, die einem dabei helfen.

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