Spiegel online beim Vertuschen erwischt

In der Berliner U-Bahn ist es erneut zu einem schweren Zwischenfall gekommen. Bei Spiegel online erfährt man wie üblich wenig darüber („sieben junge Männer“, „in Streit geraten“, „Rangelei“ etc.), obwohl zwei Verdächtige in Haft sind – so weit und so wolkig wie immer. Besonders fein aber ist die Passage, in der der offenbar überforderte SPON-Redakteur versucht, die Reihe früherer „Einzelfälle“ ins Nichts herunterzudimmen. Dieses feine Stück aus dem Wahrheitsministerium ist schon eine Textexegese wert:

„Zuletzt hatten in Berlin mehrere Zwischenfälle an U-Bahnhöfen bundesweit Aufsehen erregt. Erst vor vier Wochen schubste eine Gruppe junger Männer einen 26-Jährigen ins Gleisbett, nachdem sie ihn verprügelt hatten – der Mann konnte sich rechtzeitig retten. Zuvor hatten im Dezember Unbekannte versucht, einen Obdachlosen in einem U-Bahnhof im Stadtteil Kreuzberg anzuzünden, bereits im Oktober hatte ein Mann zudem eine Frau am Bahnhof Hermannstraße auf einer Treppe getreten.“

Wir lernen:

– In Berlin gab es „zuletzt“ „Zwischenfälle“, die „Aufsehen“ erregten. Also offenbar irgendwas zwischen brennendem Papierkorb und eingefrorenem Schwan auf dem Wannsee…

– Ach nein: Da gab es ja noch eine „Gruppe junger Männer“, die einen anderen „schubsten“, nachdem sie ihn „verprügelt“ hatten. Tatsache ist: Das Opfer kam knapp mit dem Leben davon, da er in den U-Bahn-Schacht hineingeprügelt wurde.

– Und davor hatten „Unbekannte“ versucht, einen Obdachlosen zu verbrennen. Da wird SPON aber richtig beim Lügen und Vertuschen erwischt: Die Tat wurde gefilmt, die Täter (allesamt Migranten) wurden schon vor Wochen alle identifiziert, verhaftet und vernommen. Der Fall bewegte tagelang die deutsche Öffentlichkeit und brachte unter anderem die Debatte um Kameraüberachung erneut ans Laufen. Oder, wie SPON schreiben würde: Er „erregte Aufsehen“.

– Sehr hübsch auch die Erwähnung des „Mannes“ der „eine Frau auf einer Treppe getreten“ hat. Na, da wird doch wohl nichts passiert sein? Doch: Es handelt sich um den hinterhältigen Angriff, bei dem ein – derweil längst identifizierter – bulgarischer Krimineller einer Frau in den Rücken tritt und sie eine U-Bahn-Treppe herab stößt. Sie wird schwer verletzt. Wochenlange Debatte in der Öffentlichkeit – bei SPON ist davon heute nichts mehr zu lesen.

Denn hier gilt das alte Motto aus George Orwells „1984“:

„Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“

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