Wie der Deutschlandfunk Nachrichten konstruiert

Langsam wird es unübersichtlich mit den Terroranschlägen in Europa – und auch der politisch-mediale Komplex wird zunehmend nervöser, weil das Abwiegeln und Ausblenden ungeliebter Zusammenhänge (Terror, Migration, Islam) immer schwieriger werden. Tapfer ringt noch der „Deutschlandfunk“, wie wir an dieser „Meldung“ vom 7. Juni 2017, 8 Uhr, sehen können:

Die französische Polizei geht nach dem Angriff auf einen Polizisten in Paris von einem Einzeltäter aus.
Dem bisherigen Ermittlungsstand zufolge handelt es sich um einen aus Algerien stammenden Doktoranden der Informationswissenschaften. Der 40-Jährige soll sich zur Terrormiliz IS bekannt haben. Innenminister Collomb erklärte, der Angreifer habe während der Tat „Das ist für Syrien“ gerufen. Die Anti-Terror-Abteilung der Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen.
Der Mann war gestern in der Nähe der Kathedrale Notre Dame in Paris von einem Polizisten angeschossen worden, nachdem er einen anderen Beamten mit einem Hammer attackiert und verletzt hatte.

Schauen wir uns die raffinierte Konstruktion dieser „Meldung“ doch einmal genauer an:

In Paris hat also ein „Angriff“ stattgefunden. Kein Anschlag, kein Terrorakt, sondern ein „Angriff“ – das Wort kennen wir ja schon vom Fußball und auch von den Raufbolden auf dem Schulhof. Und, das Wichtigste für den Deutschlandfunk: Es war ein „Einzeltäter“. Also gleich im ersten Satz zwei wichtige, subkutane Botschaften: Es war kein Terroranschlag. Und: Es war ein Einzelner. Damit ist der „Rahmen“ gesetzt für den deutschen Mediennutzer, der bitte nicht geweckt werden soll/will.

„Dem bisherigen Ermittlungsstand zufolge…“ ist auch eine gelungene Relativierungsphrase. Welchem Stand nach denn sonst? Dem von gestern, dem von morgen? Nein, diese Blähhülse soll nur die dann folgende, leider wohl unvermeidliche Information zur Identität verschleiern: Denn der Attentäter „stammt aus Algerien“. Damit wird umschrieben, dass der Attentäter Algerier ist. Und, das ist offenbar ganz wichtig, er ist Akademiker, angeblich „Doktorant der Informationswissenschaften“. Dies ist eine glatte Falschinformation, der Verdächtige studierte Medienwissenschaften am „Centre de Recherche sur les médiations“ (CREM) an der Universität von Metz, Lothringen. Zuvor arbeitete er übrigens jahrelang als Journalist. In dem 15 Wörter umfassenden Satz ist also das Schlüsselwort „Algerien“, das Zuhörer beunruhigen könnte, eingebettet in 14 andere Schaumwörter. Auch dass er sich „zur Terrormiliz IS bekannt haben soll“ ist wirklich feinsinnig-zögerlich formuliert – hat die Medien-Fachkraft doch ein Video aufgezeichnet, in dem sie exakt dieses ISIS-Bekenntnis kundtut. Immerhin hat der Sender es so zudem noch geschafft, die gesamte „Nachricht“ ohne das Wort „Islam“ zu gestalten.

Grandios jedoch ist die dann folgende, zusammenfassende Darstellung des Anschlags. Hier läuft der öffentlich-rechtliche Redakteur nochmals zur Hochform auf, wenn er sendet:

„Der Mann war gestern in der Nähe der Kathedrale Notre Dame in Paris von einem Polizisten angeschossen worden, nachdem er einen anderen Beamten mit einem Hammer attackiert und verletzt hatte.“

Ja, das sind die Prioritäten: Die Polizei hat geschossen, auf einen „Mann“. Ach ja, einen Grund gab es dafür natürlich auch, den erwähnen wir großzügigerweise am Ende noch mal kurz. Aber der DLF wäre nicht Spitzenleister in zeitgeistiger Nachrichtenmanipulation, wenn er nicht auch auf der Zielgeraden noch mal kräftig zupacken würde: „in der Nähe der Kathedrale Notre Dame“ ist einfach großartig. Denn mit dieser Watte-Formulierung (war es eine Straße weiter, im gleichen Block oder wo denn nun?) wird verschleiert, wo genau das Attentat stattfand: Mitten auf dem Vorplatz der Kathedrale. Ein zentraler, symbolisch aufgeladener Ort der Christenheit.

Muss aber niemand erfahren – zumindest nicht, wenn er den „Deutschlandfunk“ hört.

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2 Antworten zu Wie der Deutschlandfunk Nachrichten konstruiert

  1. Uwe Eisses schreibt:

    Starke Analyse, Wort für Wort zerlegt.
    Danke!!

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