Wie dpa Gauland „wegschreibt“

Ein Lehrstück in Sachen System- und Regierungsjournalismus war am Mittwoch, den 12. September 2018, bei der staatsnahen Nachrichtenagentur adn dpa zu erleben. Im Bundestag war Generalaussprache im Rahmen der Etatberatungen für 2019. Eröffnet wird diese Aussprache traditionell vom jeweiligen Oppositionsführer, Kanzlerin Angela Merkel pflegt im Regelfall danach zu reden. Entsprechend begann Alexander Gauland (AfD) um 9.00 Uhr mit heftigen Angriffen auf Merkel, die er wegen des von ihr verwendeten Begriffs „Hetzjagden“ bei einer Trauerkundgebung in Chemnitz nach der Ermordung eines Deutschen durch Merkel-Gästescharf kritisierte. Wie wir auch schon nachwiesen, kann von „Hetzjagden“ und „Zusammenrottungen“ in Chemnitz keine Rede sein. Merkel verbarrikadiere sich im Kanzleramt, so Gauland, der den anderen Fraktionen vorwarf, „die Opposition zu kriminalisieren“.

Jetzt schauen wir einmal, wie dpa mit der Rede des Oppositionsführers umgeht. Dazu muss man wissen: dpa ist die deutsche Leitagentur mit Quasi-Monopolstatus, von der alle Zeitungen, der Hörfunk, das fernsehen und die Mainstream-Internetportale ihre Informationen beziehen.

Um 9.37 Uhr meldet dpa: „Der SPD-Bundestagsabgeordnete Martin Schulz hat AfD-Fraktionschef Alexander Gauland vorgeworfen, er bediene sich in seinen Reden der tradierten ,Mittel des Faschismus‘. Nachdem Gauland am Mittwoch in einer Generalaussprache im Bundestag Straftaten von Asylbewerbern und Flüchtlingen aufgezählt hatte, sagte der frühere SPD-Kanzlerkandidat: ,Eine ähnliche Diktion hat es in diesem Hause schon einmal gegeben.‘ Gauland reduziere komplexe Sachverhalte auf ein einziges Thema, bezogen auf die Minderheit der Migranten. Er gehöre auf den ,Misthaufen‘ der deutschen Geschichte. Viele Abgeordnete applaudierten daraufhin. Gauland rechtfertigte sich. Er sagte: ,Das hat mit Faschismus überhaupt nichts zu tun.‘ In seiner Rede hatte Gauland zuvor die Bundesregierung davor gewarnt, sich an Angriffen in Syrien zu beteiligen. Denn dadurch würden neue Fluchtursachen geschaffen. Der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warf Gauland ‚Sturheit und Rechthaberei‘ vor.“

Das heißt: Außer zwei Sätzen zu Syrien und dem Vorwurf der Sturheit gegen Merkel erfahren die Leser von dem, was Gauland gesagt hat – nichts. Statt dessen wird ausgiebig auf die Kurzintervention des gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz eingegangen, der geifernd wie ein SED-Funktionär vergangener Tage vom angeblich drohenden Faschismus faselte.

Man könnte ja meinen, dpa würde noch was nachschieben von der Gauland-Rede, denn schließlich haben andere Redner wie Christian Lindner (FDP) sogar eigene Meldungen über ihre Reden erhalten. Weit gefehlt. Um 11.15 Uhr kommt die staatsnahe Agentur mit einer „Zusammenfassung“.

Wir lesen darin: „Der frühere SPD-Vorsitzende Martin Schulz hat AfD-Fraktionschef Alexander Gauland vorgeworfen, er bediene sich in seinen Reden der tradierten ,Mittel des Faschismus‘. Er reagierte damit am Mittwoch im Bundestag auf eine Rede Gaulands. Der hatte zuvor in der Generalaussprache über den Kanzleretat Straftaten von Asylbewerbern und Flüchtlingen aufgezählt und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihre Flüchtlingspolitik für die Polarisierung im Land verantwortlich gemacht.

Daraufhin bat der SPD-Kanzlerkandidat von 2017 um das Wort. Die Reduzierung auf ein einziges Themas sei ein bekanntes Stilmittel: ,Die Migranten sind an allem Schuld. Eine ähnliche Diktion hat es in diesem Hause schon einmal gegeben‘, kritisierte Schulz mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus. ,Und ich finde, es ist an der Zeit, dass sich die Demokraten in diesem Lande gegen diese Form der rhetorischen Aufrüstung, die am Ende zu einer Enthemmung führt, deren Resultat Gewalt auf den Straßen ist, (…) dass sich die Demokratie gegen diese Leute wehrt.‘

Es folgte lauter Beifall vieler Abgeordneter, schließlich erhoben sich zunächst Abgeordnete der Linken, dann auch von Grünen und SPD und applaudierten Schulz. Mit Blick auf Gaulands frühere Aussage, die Zeit des Nationalsozialismus sei im Verlauf der langen deutschen Geschichte nur ein ,Vogelschiss‘, sagte Schulz: ,Herr Gauland, die Menge von Vogelschiss ist ein Misthaufen. Und auf den gehören Sie in der deutschen Geschichte.“

Von Gauland ist wenig bei dpa zu lesen, außer dass er sich auf das Niveau von Schulz nicht begeben wolle – was zugegebenermaßen schwierig ist, da der Ex-Trinker aus Würselen eigentlich kein Niveau hat.

In einer weiteren Zusammenfassung von dpa um 11.57 Uhr wird auf Gaulands Rede etwas mehr eingegangen. Aber fein werden wieder Ursache und Folge vertauscht. Nicht um Gaulands Rede geht es, sondern um die Kurzintervention von Schulz. dpa schreibt: „Aufhorchen ließ zu Beginn der Aussprache eine Attacke des früheren SPD-Vorsitzenden Martin Schulz gegen Alexander Gauland. Der AfD-Fraktionschef hatte als Vorsitzender der größten Oppositionsfraktion die Aussprache eröffnet und Straftaten mit Asylbewerbern und anderen Menschen mit Migrationshintergrund als Tatverdächtigen aufgezählt. ,Es hat in Chemnitz keine Menschenjagden gegeben‘, sagte Gauland. Wenn Menschen Hass empfänden, sei dies aber nicht grundlos. Die AfD habe nichts zu verbergen, sagte er mit Blick auf Forderungen nach einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz. ,Wer gefährdet den inneren Frieden in unserem Land? Wir nicht.‘

Schulz warf Gauland in einer Kurzintervention vor, er bediene sich der tradierten ,Mittel des Faschismus‘. ,Eine ähnliche Diktion hat es in diesem Hause schon einmal gegeben.“

Fassen wir zusammen: Statt über Gaulands Rede zu berichten stellt dpa die Intervention von Schulz als Höhepunkt der Debatte dar. Das erste wichtige Zitat aus der Rede des AfD-Fraktionsvorsitzenden kommt bei dpa um 12.00 Uhr erstmals vor – drei Stunden nach Beginn der Debatte und im siebten (!) Absatz der Mittagszusammenfassung. Die Kollegen von adn wären stolz auf die GenossInnen bei dpa.

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Eine Antwort zu Wie dpa Gauland „wegschreibt“

  1. Warum sollte man von Herrn Gauland auch berichten?
    Weil er Oppositionsführer ist?
    Wer das ist, bestimmt ja wohl immer noch der politisch-mediale Komplex und nicht das wählende dunkeldeutsche Pack da draußen. Wäre ja noch schöner, wenn man auf einmal Abgeordnete gleich behandeln würde.
    Nein, nein, dann lieber über die – erfrischend geistreiche! – Bemerkung des nur gaaaaanz knapp gescheiterten Kanzlerkandidaten der SPD berichtet.
    Alles bestens, die AfD hat eh‘ viel zu viele Stimmen und die SPD braucht sowieso jede, um demnächst noch über die 5%-Hürde zu kommen.
    Hat schon alles seine Richtigkeit, keine Sorge!

    Eines nur: Wenn ich Herrn („Ruft doch mal: Martin, Martin“!) Schulz richtig verstanden habe, gab es den Bundestag bereits im 3. Reich? Wegen der Nazis und so? Oder meinte er vielleicht die persilscheinheilig grinsenden Abgeordneten von SPD und CDU/CSU samt FDP, die ab 1949 das Parlament wieder bevölkerten, nachdem sie ihr (braunes bzw. schwarzes) Hemd wechselten? Vielleicht sollte man beim Superstaatsmann aus Wünselen da mal nachfragen?
    Alle zusammen: „Martin, Martin!“

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