Großbritannien wird frei

Wir freuen uns mit den Briten über den Ausgang der Parlamentswahl, die von den Tories unter Führung des in Deutschland als „kleiner Trump“ verspotteten Boris Johnson so eindrucksvoll gewonnen wurde. Damit kommt der Brexit und für Großbritannien die Befreiung von der EU-Bürokratendiktatur. Die Briten können die Geschicke ihres Landes wieder selbst bestimmen, ja Großbritannien wird frei. Herzlichen Glückwunsch!

Nach Vorhersagen der deutschen Qualitätspresse war dieser klare Wahlsieg von Johnson völlig ausgeschlossen. Aber lesen Sie beispielhaft in drei deutschen Qualitätsmedien, was diese noch am Tag der britischen Unterhauswahl (12. Dezember 2019) berichteten:

Leipziger Volkszeitung: „Der britische Premierminister Boris Johnson muss kurz vor der Parlamentswahl am Donnerstag doch noch einmal um seine beinahe als sicher geglaubte Mehrheit bangen. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge ist der Vorsprung seiner Konservativen auf Labour und die anderen Parteien geschrumpft.“

Spiegel online machte sich Hoffnung: „Johnson hat allerdings ein Problem. Um seinen Posten zu behalten, braucht er ein – womöglich deutlich – besseres Ergebnis als Labour um Parteichef Jeremy Corbyn. Diesem könnten dagegen auch weniger Stimmen reichen, um Regierungschef zu werden. Um eine Regierung führen zu können, benötigt Johnson nämlich nicht nur das relativ beste Ergebnis, sondern die absolute Mehrheit. Er hat es sich mit allen anderen Parteien so sehr verscherzt, dass sie wohl als Bündnispartner ausfallen.“

Rheinische Post: „Der Streit um Johnson hat den Wahlkampf kurz vor dem Urnengang am Donnerstag noch einmal belebt. Auch deswegen, weil der Premierminister ein roboterhaftes Verhalten, ein geradezu mechanisches Ignorieren an den Tag legte. Unangenehmen Fragen weicht er aus oder beantwortet sie mit seiner zentralen Botschaft: den Brexit durchziehen. Johnson hat den Tunnelblick und kennt nur dieses Thema.“

Die Frage ist, wer wirklich den Tunnelblick hat.

Aber auch nach der Wahl geht das Briten-Bashing der deutschen Medien weiter. Jetzt steht die Existenz des Königreichs insgesamt auf dem Spiel. Die regierungsnahe Nachrichtenagentur dpa schreibt am 13. Dezember mittags: „Die proeuropäischen schottischen Nationalisten wollen nach Boris Johnsons Wahlsieg erneut über eine Abspaltung vom Vereinigten Königreich abstimmen. Europa sorgt sich über Abspaltungstendenzen…

Die SPD-Europapolitikerin Katarina Barley äußerte sich besorgt über solche Abspaltungstendenzen. „Mir macht große Sorgen, dass ein Auseinanderbrechen des Vereinigten Königreiches bevorstehen könnte», sagte die Vizepräsidentin des Europaparlaments im Inforadio des rbb. Nicht nur in Schottland, sondern auch in Nordirland und in Wales würden Unabhängigkeitsbestrebungen immer stärker.“

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