FAZ vs. Gauland: Der Pulverdampf lichtet sich

Langsam lichtet sich in der Causa Gauland/FAS der Pulverdampf – und sichtbar wird ein Vorgang, der alles Zeug dazu hat, nach „Köln Hbf.“ der zweite Großskandal des politisch-medialen Komplexes unseres Landes zu werden. Dies passiert, wenn man ruhig und sachbezogen alle Fakten zusammenstellt:

1. Die beiden FAS-Journalisten Eckart Lohse und Markus Wehner trafen Gauland nicht zu einem Interview, sondern, wie sie selbst sagen, zu einem „Informationsgespräch“. Dafür spricht auch, dass das Gespräch nicht mitgeschnitten wurde, sondern nur Notizen gefertigt wurden.

2. Solche Hintergrundgespräche sind in Berlin absolut üblich und werden unter der Bezeichnung „unter drei“ professionell geführt. Dies bedeutet: Journalisten werden vom Interviewpartner offen und vertraulich unterrichtet. Wollen sie konkrete Zitate aus diesem Gespräch veröffentlichen, lassen sie diese zuvor autorisieren. Das ist absoluter Standard und dem Respekt vor dem im Hintergrund gesprochenen Wort geschuldet.

3. Schaut man sich die Situation an, wird noch deutlicher, was hier gelaufen ist: Denn in Deutschland wird selbst jedes offiziell geführte, im Ton mitgeschnittene Interview vor Veröffentlichung dem Interviewpartner vorgelegt zwecks Autorisierung. Umso undenkbarer ist die unautorisierte Veröffentlichung einzelner Sätze aus einem Informationsgespräch.

4. Beide Journalisten räumen inzwischen ein, dass sie es waren, die den Namen Boateng in das Gespräch einbrachten (Deutschlandfunk, 30.5.2016). Das ist nicht unwichtig, wenn es um den Kontext der angeblichen Gauland-Äußerung geht: Denn ganz offenbar trugen die beiden hier eine Idee vor, die als Verlängerung des erst wenige Tage zuvor aufgeblasenen „Kinderschokolade“-Skandals angedacht war.

5. Auffallend ist auch das Verhältnis von Gesprächsdauer (rd. 90 Minuten, so die FAS) und veröffentlichtem Inhalt (zwei Sätze).

6. Vollends offenbar, dass es sich hier um eine bösartige Inszenierung der FAS handelt, wird jedoch, wenn man sich den Nachrichtenverlauf zwischen Mittwoch und Sonntag genauer anschaut: Die FAS-Redakteure haben nämlich, nachdem sie am 26. Mai ihr angebliches Zitat von Gauland generiert hatten, nichts anderes zu tun gehabt, als in ganz Deutschland Politiker und Funktionäre anzurufen und sie mit diesem vermeintlichen Satz zu konfrontieren. Die sonntägliche Skandalisierung wurde über Tage hinweg vorbereitet: Zur Drucklegung am frühen Samstagabend hatte die FAS unter Volker Zastrow (er mag die AfD nicht so, schreibt über sie: „Ihre Gier nach Gewalt ist mit Händen zu greifen.“) genügend Stimmen von Grindel (DFB), Bierhoff etc. zusammen. Ja, die Zeitung ließ sogar Nachbarn Boatengs in München befragen. Das heißt konkret: Allen möglichen Menschen wurde über Tage hinweg das angebliche Gauland-Zitat vor Veröffentlichung vorgelegt – nur ihm selbst nicht.

7. Am Abend des 28. Mai gab die FAS ihre Meldung vorab an die Agenturen, versehen mit einer Sperrfrist (Sonntag, 29. Mai, 6.00 Uhr). Die Agentur AFP etwa greift dies auf und beginnt ihre Meldung mit dem Satz: „Mit einer rassistischen Beleidigung gegen den deutschen Nationalspieler Jérôme Boateng hat der stellvertretende AfD-Vorsitzende Alexander Gauland Empörung ausgelöst.“ Lage jetzt also: Ein angeblicher, zumindest unautorisierter Satz Gaulands aus einem Gespräch mit zwei Journalisten, der von diesen anderen Menschen vorgelesen wurde, löst bei diesen „Empörung“ aus – und dies, bevor irgendjemand ihn auch nur gelesen oder gehört hat. Bis Sonntag morgen dürfte wohl Gauland selbst nicht klar gewesen sein, was da gerade arrangiert wurde.

8. Schlussendlich begnügt sich die FAS unter Zastrow auch nicht mit der Vermeldung des angeblichen Zitats. Nein, sie spitzt in einer Art und Weise zu, die man ansonsten nur vom Boulevard oder aus Online-Portalen kennt, und titelt: „Gauland beleidigt Boateng“.

Diese Überschrift ist gleich mehrfach angreifbar: Beleidigung ist eine Straftat (§ 185 StGB). Eine solche jemandem unter den unter 1-7 dargestellten Umständen zu unterstellen, ist zumindest gewagt, unter Umständen selbst justiziabel. Die Zuspitzung auf diese Boulevard-Zeile zeigt auch, um was es der FAS ging: Skandalisierung um jeden Preis.

9. Zu guter Letzt noch eine Anmerkung: Das, was die FAS mit Gauland gemacht hat, würde sie mit keinem anderen Bundepsolitiker, Minister oder Parteivorsitzenden wagen. Niemals.

Und das ist die wahre Botschaft dieser Posse: Liebe Dunkeldeutschen, glaubt bitte nicht, dass über Euch mit den gleichen, fairen Methoden berichtet wird wie über jene, die wie wir zum politisch-medialen Komplex, zum hellen Deutschland gehören.

Das ist allerdings, wie eine prominente Politikerin jüngst meinen ließ, „niederträchtig“.

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9 Antworten zu FAZ vs. Gauland: Der Pulverdampf lichtet sich

  1. David Stingl schreibt:

    Beide Journalisten räumen inzwischen ein, dass sie es waren, die den Namen Boateng in das Gespräch einbrachten (Deutschlandfunk, 30.5.2016).

    Wo lässt sich zu dieser Aussage die Quelle finden? „Deutschlandfunk, 30.5.2016“ ist ein bisschen vage. Damit kann ich leider keine Quelle finden, die diese Aussage bestätigen würde.

  2. Stefan Thaens schreibt:

    Sehr kenntnisreicher und unaufgeregter Beitrag, der IMHO von der #FAZ im Wortlaut abgedruckt werden müsste.

  3. S. Tabus schreibt:

    „1. Die beiden FAS-Journalisten Eckart Lohse und Markus Wehner trafen Gauland nicht zu einem Interview, sondern, wie sie selbst sagen, zu einem „Informationsgespräch“. Dafür spricht auch, dass das Gespräch nicht mitgeschnitten wurde, “
    Der eine der beiden Journalisten hatte doch selber getwittert „Wir haben alles aus Band“ und die Distanzierung von dieser Aussage ist wohl entweder lediglich der Tatsache geschuldet, dass so eine heimliche Aufnahme rechtswidrig ist oder/und eine Veröffentlichung Peinliches offenbaren würde.

  4. Imre schreibt:

    So läuft das eben bei der Lügenpresse….
    Sollte man sich nicht wirklich wundern.

  5. p thurn schreibt:

    Gauland-Affäre als Verlängerung des Kinderschokoladen-Skandals! – Genau so hab ich das auch wahr genommen. An Fronleichnam gibt´s in Bad.-Würt. keine Zeitungen. Ich war jedoch (vom Bodensee kommend) im ICE unterwegs, und hab mich an der Zeitungs-Auslage bedient. So hatte ich seit langer Zeit mal wieder eine „Bild“ in der Hand und war doch sehr verwundert. Da wurde ein Pfurz vom Bodensee in der größten Tageszeitung Europas in einer Art und Weise ausgebreitet, dass man Kampagne unterstellen muss. Als wenig später dann die Gauland-Äffäre durch die Medien rauschte, war ich nur noch angewidert, dass jetzt die nahende EM und die Nationalmannschaft offensichtlich für Schmutzkampagnen so missbraucht werden.

  6. Max Mustermann schreibt:

    Der Begriff Lügenpresse, wird hier mal für alle linkslieberalen Multikulturellen und der faschistischen Antifa, erklärt.

  7. Pingback: Schlafmützen-Journalismus (Unwetter vs. Gauland) – SpiegelKritik

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